Mittwoch, der 18. Mai 2016
von Villafranca bis O Cebreiro

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Jesus Jato von der Ave Fenix

Heiko schläft zum ersten Mal durch bis 6.30. Ich gratuliere ihm kurz, während um uns herum bereits alles raschelt. Wir packen unsere Sachen, die Mannen von Herrn Jato bereiten im Essensraum bereits das Frühstücksbuffet zu.

Ave Fenix

Frühstück in der Ave Fenix

Es gibt wie immer Spiegeleier, die man auch mit dem Strohhalm trinken könnte. Mr. Matz weist die Dinger weit von sich und greift auf gesund eingepackte Muffins zurück.

Und Zack! Schon geht es los. Ein paar hundert Meter, schon beginnt der Aufstieg. So mancher hat den schon verpasst, also Augen auf! Nach einer Brücke teilt sich der Weg, ein Abzweig geht hart nach oben. Hier muss man sich für eine der Möglichkeiten entscheiden: den Weg an der Autobahn entlang und den „Camino duro“, den harten Weg. Hart ist der nur die erste halbe Stunde. Es geht straight bergauf, Heiko speedet wie irre. Respekt!

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Niemals durstig: Brunnen sind überall

Wer auch immer sich hier für den anderen Weg entscheidet, macht einen großen Fehler! Denn die kleine Härte am Anfang entschädigt der wunderbare Weg mit grandiosen Ausblicken, duftenden Ginster- und Heideblüten. Einfach großartig. Natürlich ist das Wetter fantastisch, so wie die letzten Tage auch. Cafes und sonstige Infrastruktur gibt es dort kaum bis gar nicht, nur ein einsamer Barbesitzer hat Schilder aufgestellt, die den Pilger auf einen Umweg schicken sollen. Pah, darauf fallen wir nicht herein.

Vega de Valcarce

Vega de Valcarce

Nach rund elf Kilometern steigen wir nach Trabadelo herunter, wo ich eigentlich ein Cafe im Auge hatte, in dem eine nette Holländerin seit einigen Jahren ihr Business aufzieht. Ich war gespannt, was sich getan hat. Beim letzten Mal war sie gerade dabei, ihre Speisekarte um koreanische Gerichte zu erweitern – tatsächlich machen die Koreaner eine sehr große Gruppe aus.
Doch aus dem Cafe wird leider nichts, wenn wie schon beim letzten Mal laufe ich zunächst in die falsche Richtung, und ein Umkehren lohnt nicht. Denn als ich den Fehler bemerke, sind wir schon viel  zu weit aus dem Dorf raus. Eine kleine Pause ist ein paar Kilometer später trotzdem drin, wir wollen uns schließlich nicht komplett verausgaben.
Wir treffen schließlich wieder mit den Pilgern von der Autobahn-Variante zusammen, es geht an kleineren Ortschaften vorbei, etwa durch Vega de Valcarce. So ganz lässt sich die große Straße also nicht umgehen.

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Der Camino Duro: Tolle Ausblicke

Wir sind uns nicht ganz schlüssig, wo wir heute landen wollen. Eigentlich wäre ja O Cebreiro auf dem Plan, inklusive hartem Aufstieg. Aber es ist so voll, und ich tendiere eher dazu, schon die Herberge im Ort vorher zu versuchen.

La Faba soll sehr schön sein, unter schwäbischer Leitung sogar. Ich meine hier war es, wo man nach dem Aufsagen eines schwäbischen Gedichtes auch gratis schlafen darf.

Waschmaschine

Die allwissende Waschmaschine

Ich war allerdings noch nie dort, denn irgendwie wollte ich immer den Aufstieg hinter mir haben.
Doch vor der Herbergs-Glückseligkeit hat der katholische Gott erstmal die Anstrengung gesetzt. Als ich die seit Jahren stoisch vor sich hin rostende Waschmaschine sehe, weiß ich: gleich geht es los. Nach Las Herreiras (kurze Pause in der letzten Bar) geht es kräftig aufwärts, wir schwitzen uns die Hucke voll. Immerhin überholen wir die ganzen Luschen, Haha! Das verschafft uns einen Vorsprung im Kampf um die Betten. Trotzdem sind wir oben fix und alle.

Aufstieg nach Cebreiro

Der Aufstieg nach La Faba

Oben liegt auch schon LaFaba. Die Herberge aber scheint bereits voll zu sein, es kommen zwei Pärchen enttäuscht aus der Richtung. Wir versuchen es erst gar nicht, weil Heiko einen Lauf hat und mutig genug ist, weiterzugehen. Ich verspreche, ihn umzubringen, falls wir keinen Platz mehr in Cebreiro finden sollten.

Wir bewegen uns weiter auf den bedrohlichen Aufstieg zu, der alte steinige Weg, der den üppigen Hügel hoch führt, kommt endlich in Sichtweite. Zeit, sich auf eine Schwitzorgie vorzubereiten. Gut 15 Minuten, dann ist das Schlimmste vorbei. Danach wird es wieder angenehm.

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Der Grenzstein zu Galicien

Gerade reden wir noch über die Regenwahrscheinlichkeit, da pütschern auch schon die ersten Tropfen auf uns nieder. Nach zwei Minuten sind die aber schon wieder eine Wahrscheinlichkeit und lösen sich in Wohlgefallen auf.
Wir überschreiten die Grenze zu Galicien und verlassen damit das Bierzo. Der frisch überpinselte Grenzstein sieht genauso renoviert aus, wie viele Herbergen, die wir in den letzten Tagen sahen.

Vielleicht hat das Heilige Jahr den einen oder anderen doch dazu animiert. mal das Großreinemachen zu starten. In O Cebreiro stürmen wir zur örtlichen Herberge und stehen erstmal in der Schlange. Ich wetze schon mal vorsorglich die Messer.

Aber: wir bekommen ein Bett im besten Raum, noch nicht mal ein Etagenbett, sondern frei stehende grundsolide Betten. Die Herberge scheint ebenfalls frisch renoviert. Nach der Dusche stellt Heiko fest, dass gerade das „Completo“-Schild aufgehängt wurde. Wer jetzt noch kommt – und es kommen so einige – hat Pech gehabt. „Dann schlafe ich halt auf dem Friedhof“, murmelt eine Deutsche und zieht grollend ab. Das dürfte in dieser Nacht verdammt kalt werden.


Der galicische Gral

Der galicische Gral

Ich ziehe zur Kirche, um noch ein paar Aufnahmen zu machen. Hier steht der galizische Gral, der es sogar in das Wappen von Galicien geschafft hat. Nicht zuletzt deswegen hat der Ort seine Bedeutung erlangt. Die Story dahinter erzähle ich kurz: Ein Bauer war einst trotz derbstem Schneegestöber zum Gottesdienst erschienen. Als der Priester ihn deswegen auslachte, verwandelte sich der Wein in Blut und die Oblate in Fleisch. Entspricht bestimmt zu 100 Prozent der Wahrheit. Deswegen steht der Gral auch heute noch dort, mitsamt eingetrocknetem Etwas.

Kirche O'Cebreiro

In der Kirche von O’Cebreiro

Als ich wieder herauskomme, fliegt über uns laut surrend eine Drohne und macht Aufnahmen vom Dorf. Der Jakobsweg wird durchdigitalisiert. Bei allem Touri-Nepp ist das Dorf aber wirklich schön, die alten grauen Steinhäuser sind zumindest zum Teil im keltischen Stil,
Wir gehen einen Happen essen, im Casa Manolo. Freundlichkeit steht hier nicht gerade auf der Speisekarte, man merkt den Menschen hier besonders an, dass die Pilger zwar Geld bringen, sie aber für die Bewohner eben auch nicht mehr sind als „Arbeit“. Wer will es ihnen verdenken?

Casa Manolo

Im Casa Manolo

 Immerhin dürfen wir aufgrund der allesamt besetzten Tische ins obere Stockwerk, wo es etwas schicker zugeht. Sieht aus wie ein Restaurant, in dem Busreisegruppen ein Päuschen machen. Es kommen mehr und mehr Pilger, die Tische füllen sich langsam mit kleinen und größeren Grüppchen.

Statt der bestellten Suppe bekomme ich selbstverständlich Spaghetti mit Hackfleisch, es ist wirklich nicht einfach hier. Aber Vorspeise, Hauptspeise, Nachtisch und eine Flasche Wein für 10 Euro, da kann man nicht meckern. Da esse ich auch Kutteln. Im rustikalen Speisesaal hängt das Wappen der Balboas. Ein Löwe erschlägt einen Drachen. Ob Sylvester Stallone das wusste? Ich erinnere mich, dass Balboa aber auch ein Dorf ist, durch das wir irgendwann noch kommen werden. Oder waren wir schon dort? Ich weiß es nicht mehr.


Webcam O'Cebreiro

Webcam O’Cebreiro

Nach dem Essen drehen wir noch eine Runde durchs Dorf. Es ist neblig und kalt, die meisten Pilger sind schon in ihren Betten. Wir trinken noch ein Bierchen in einer Kneipe und hören einer Fußballübertragung im Radio zu. Auf dem windig-kalten Rückweg entdecke ich in der Herberge direkt neben meinem Fenster die Webcam, die Live-Bilder aus O Cebreiro ins Internet streamt. Jetzt weiß ich immerhin, wo die Bilder herkommen. Und falls ihr mal durchschauen wollt, schaut auf die Seite mit den gesammelten Webcams des Jakobswegs.

Donnerstag, 19.Mai 2016
Von O Cebreiro nach Triacastela

Okay, ich schreibe halt jetzt den ganzen Eintrag nochmal, denn er ist gerade verschwunden. Für eine korrekte Berichterstattung tut man ja alles. Also: Heiko ist wie immer der erste Mensch, der im Schlafsaal aufwacht. Ich stelle mich schlafend, denn ich habe noch überhaupt keine Lust, loszulaufen. Zumal ein kurzer Blick aus dem Fenster verrät, dass es heute wohl vor allem Nebel zu sehen gibt. Das ist schade, denn die Etappe heute ist eigentlich eine der landschaftlich schönsten.

Frühstückspause

Frühstückspause

Um halb sechs sammle ich dann meine Sachen zusammen, Regenjacke ist angesagt. Wir laufen im Nieselregen los und machen nach wenigen Kilometern zunächst mal eine Frühstückspause in einer kleinen Kneipe. Die Idee haben bei dem Wetter auch einige andere, es staut sich. Nach einigen Kilometern kommt ein kurzer, heftiger Aufstieg, der hoch führt zum Alto de Poio. Die dortige Pilgerstatue gehört zu den Pflicht-Fotomotiven, aber heute blickt sie auch nur in den Nebel. Das macht sie hier übrigens recht häufig.

Alto do Poio

Alto do Poio

Eine laute kanadische Pilgergruppe begleitet uns eine Weile, dann schütteln wir sie ab. Ganz langsam wird das Wetter besser, aber so richtig aufreißen will es nicht. Wir haben heute eine kurze Etappe vor uns, bis nach Triacastela sind es nur knapp über 23 Kilometer. Aber ich will morgen unbedingt in Barbadelo sein, denn das ist einer meiner Lieblingsorte. Heiko ist etwas mürrisch, will weiter. Aber ich verwirre ihn so lange mit dem Vorrechnen von  Distanzen, bis er mir glaubt, dass mein Plan der genialste ist. Ist er natürlich auch. Allerdings bedeutet er, dass wir wieder nur 25 Kilometer gehen. Und weil wir gern einen Tag aufholen wollen, werden wir die letzten drei Tage recht lange Etappen machen müssen.

Bei Triacastela

Unterwegs bei Triacastela

So langsam wird das Wetter besser, zwar gibt es noch Nebel, aber die Regenjacke kann wieder im Rucksack verschwinden.
Galicien ist so schön, sanfte weiche grüne Hügel wechseln sich mit Kuhdörfern und kleinen beschaulichen Städtchen. Ich denke immer wieder an Irland oder Wales, nur nicht an spanische Klischees. Wir stoppen hier und da für einen kurzen Cafe con Leche, wir sind ganz schön schnell unterwegs. Ein radikaler Aufstieg noch, dann ist es easy walking.

Schon gegen 12 Uhr sind wir in Triacastela angekommen, nach kurzer Diskussion bleiben wir am Ort. Wir haben eine schöne Herberge, die ich noch nicht kenne. Ein perfekt renoviertes altes Steinhaus. Obwohl es nur 20 Betten gibt, gerät die Hospitalera bei dem Andrang völlig durcheinander. Endlich sind wir eingecheckt. Nach einer kurzen Dusche lassen wir uns am Happening Place der Gegend nieder. Wir verplempern angenehm den Nachmittag in einem Restaurant um die Ecke und bleiben der Einfachheit halber auch gleich dort, um zu essen. Bei einem Verdauungsspaziergang entdecken wir noch eine interessante Wertanlage.

R4

Zu lange geparkt

Freitag, der 20. Mai 2016
von Triacastela bis Barbadelo

Hinter Triacastela

Hinter Triacastela

Die Nacht ist so ruhig, wie eine Nacht in der Herberge auf dem Jakobsweg halt sein kann. Es raschelt ab 5 Uhr, gegen 7 Uhr haben wir unseren Cafe con Leche intus und machen uns auf den Weg. Haha, der Sommer ist mit Macht zurück.
Die Etappe ist toll, die sanfte grüne Hügellandschaft setzt sich fort. Heute ist nochmal eine Kurzdistanz von 25 Kilometern im Plan. Schon ganz kurz nach dem Aufbruch kann man sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Links geht es über das Kloster Samos in dem nur noch ein paar wenige Mönche leben. Abends kann man denen sogar beim Singen zuhören.

Rechts dagegen geht es über den „gewöhnlichen“ Weg, der darüber hinaus noch über 20 Kilometer kürzer ist. Die Strecke über Samos kenne ich schon, sie ist schön, aber passt nicht in den Plan. Und der eigentliche Weg ist landschaftlich mindestens ebenso nett.

bei Triacastela

Ein Waldmonster


Hinter Triacastela

Hinter Triacastela

Deutlich zu spüren: es werden langsam noch mehr Pilger, man merkt, dass die Mindestdistanz für die Pilgerurkunde näher rückt. Es drängen vor allem Spanier auf den Weg. Ein perfekter Ort um einzusteigen: es gibt jede Menge Fotomotive, Hohlwege und kleine Kirchen wirken wie aus einem Herr der Ringe Film. Abgebrochene Baumzweige sehen aus wie kleine Monster. Ich drehe reichlich Videomaterial und bin neidisch auf die Aussteiger, die hier in der Gegend alte Häuser gekauft und restauriert haben. Es scheint mittlerweile so einige davon hier zu geben.

Barbadelo

Im Garten vom Casa del Carmen

Wir stoppen nach gut drei Stunden an einem kleinen Cafe auf freistehender Strecke für ein Frühstück, direkt vor uns parkt eine dicke Nebelwand im Tal, die wir in einer halben Stunde durchwandern.

Markt in Sarria

Markt in Sarria

Eine letzte Pause machen wir in der Stadt Sarria, hier holen wir nochmal Scheine aus einem Bankomaten. So richtig viel Budget braucht man hier ja nicht. Kurz vor dem Stadtausgang ist gerade Markt, da flanieren wir noch eine Weile herum. Müsste ich nicht alles im Rucksack schleppen, würde ich einen Jahresvorrat Käse mitnehmen. Kurz nach 14 Uhr sind wir an der Herberge „Casa del Carmen“. Wir haben reserviert, was aber nicht nötig gewesen wäre. Erst nach und nach füllt sich der Laden. Im Ort gibt es inzwischen so viele Herbergen, dass es hier keine Bettenknappheit mehr gibt. Der Geheimtipp von früher ist keiner mehr, sogar ein Pigerhotel mit Swimming Pool gibt es. Wir legen uns den Restnachmittag über in die Sonne. Am Abend essen wir natürlich im Restaurant von Carmen und ich habe auch Gelegenheit, in den alten Gästebüchern zu blättern. Nach einiger Zeit finde ich doch tatsächlich den Eintrag von meiner ersten Pilgerreise. Ich kann nicht viel Spanisch – mir sind nur die wichtigsten Dinge im Kopf geblieben 🙂

guevara Ich bin hier insgesamt schon fünfmal gewesen, zuletzt mit meinem Kumpel Uwe im Jahr 2013. Aber es wäre zu viel verlangt, wenn sich Carmen daran noch erinnern könnte. Von der kleinen out of the box Herberge hat sich der Laden in den letzten Jahren wohl zur Haupteinnahmequelle der Familie entwickelt. Und das bei einer Konkurrenz von inzwischen 4 Herbergen in dem kleinen Dorf. Die Grenze zur Touristenhochburg liegt nahe. Das sehe ich natürlich mit eher gemischten Gefühlen, es passt aber ins Bild.

Carmens Mann füttert im Anschluss ans Essen noch die Pferde, wir sehen sanft die Sonne untergehen. Die Herberge ist gut gefüllt und angenehm gepflegt. Und doch: es gab hier mal etwas mehr Seele.

Samstag, 21. Mai 2016
Von Barbadelo bis Palas de Rei

bei Barbadelo

Aufbruch in Barbadelo

Wir stehen sehr früh auf, denn wir haben heute ja viel vor. Rund 37 Kilometer habe ich ausgerechnet – in diesem Takt muss es weitergehen, damit wir noch ein bisschen Zeit rausholen. Die wäre nicht schlecht, denn nach bisheriger Planung haben wir in Santiago nur etwa einen halben Tag. Um fünf Uhr raschelt der erste mit seinen Plastiktüten, da werden wir beide natürlich auch wach. Wir haben in wenigen Minuten unsere Sachen zusammen, dann geht es in der Dämmerung los. Die Vögel zwitschern, nur wenige Wolken am Himmel. Sieht gut aus.
Nach Barbadelo kommt zunächst mal eine ganze Weile nichts außer Natur, Heiko hat sich immerhin einen Automatenkaffee einverleibt. Wir müssen exakt 8 Kilometer gehen, um wieder ein Dorf mit Koffein-Infrastruktur zu finden. Das Dorf heißt Morgarde. Klingt ein wenig wie Mordor. Überhaupt haben die Dorfnamen hier in der Gegend meist etwas keltisch klingendes an sich. Brea zum Beispiel. Hört sich auch nach Mittelalter-Saga an. Die Kelten waren übrigens wirklich irgendwann mal hier. Da sind die Galicier mächtig stolz drauf, überall keltische Muster. Als Spanier möchte man sich ja ohnehin nicht sehen, die Nationalisten-Partei ist stark in der Region. Ich habe ohnehin nicht das Gefühl, dass sich irgendjemand im ganzen Land als „Spanier“ sieht.

Mini-Kapelle

Mini-Kapelle

Nach Morgarde geht es weiter durch die grüne Hügellandschaft, die Pilgerbesetzung hält sich heute in Grenzen. Rund zehn Kilometer weiter sind wir bereits in Sichtweite von Portomarin. Die Stadt wurde irgendwann in den 60er Jahren komplett umgesiedelt, als die Regierung hier einen Staudamm errichten ließ. Die Kirche hat man sogar Stein für Stein ab- und wieder aufgebaut.
Ich mag sie trotzdem nicht und möchte daran vorbei. Zunächst aber müssen wir bis an den Fluss vordringen. Was aber ein ziemlich lebensgefährliches Unterfangen ist, weil die Streckenführung nach mehreren Veränderungen nun über einen steinigen Pfad nach unten führt. Was auch immer sich die dabei gedacht haben. Wir meistern die Herausforderung souverän und laufen dann direkt an der Stadt vorbei. Es geht ein wenig bergan, so langsam lassen sich auch deie dunkler werdenden Wolken nicht mehr ignorieren.
Gegen 12 Uhr erreichen wir Gonzar, das eigentlich eingeplante Zeil für heute. Aber das wären nur läppische 27 Kilometer. Zehn zusätzliche wollen wir mindestens schaffen. Nach der kurzen Stärkung geht es daher auch gleich weiter. In der Nähe von Gonzar habe ich vor 6 Jahren mal eine Speicherkarte für meine Kinder versteckt. Ich will kontrollieren, ob sie noch da ist und finde sie prompt und unversehrt. Toll.
Die Strecke aber verliert zunehmend an Attraktivität. Viel Straße, nur noch wenig Wald. Wir diskutieren über eine mögliche Ausweitung unseres Etappenziels für heute und sind uns einig: auch nach Airexe soll es noch weitergehen.

Merrell Schuhe

Kaputte Schuhe: Merrell natürlich

Leider haben sich die Blasen an meinen Füßen darauf eingerichtet, zu bleiben. Und sie haben auch noch ein paar Kumpels eingeladen. Das war auf anderen Touren besser. Neue Schuhe halt.

In Airexe gibt es noch ein schnelles Wasser, dann nehmen wir schnellen Schrittes die Restetappe in Angriff: Palas de Rei soll es sein. Die Stadt gehört nicht zu meinen Favoriten, hat aber viele Herbergen. Eine sichere Bank also, kein Wunschziel.
Kurz vor den ersten Regentropfen erreichen wir die Stadt und nehmen die Herberge, die sich im Reiseführer am besten liest: „Buen Camino“. Ist aber ein Griff ins Klo….abgeranzt und stinkig. Egal, es regnet jetzt in Strömen, wir bleiben hier….

Sonntag, der 21. Mai 2016
Von Palas de Rei bis Arzua

Es wird eine sehr unruhige Nacht. Draußen regnet es in Strömen, der Saal schnarcht im mehrfach konkurrierenden Canon durcheinander. Dauernd geht die Schiebetür auf und irgendjemand will raus oder rein. Am nächsten Morgen zähle ich außerdem diverse Bisse – wahrscheinlich Bettwanzen. Na ja, kommt häufiger vor hier.
Viel schlimmer ist, dass es auch beim Aufbruch in Palas de Rei noch regnet und sehr kühl ist, das hebt die Laune nicht gerade. Wir gehen in Regenjacken los und hoffen auf Besserung. Die kommt zum Glück schon ein paar Kilometer später, ganz langsam reißt die Wolkendecke auf und die Sonne kommt durch.

Maisspeicher

Ein Maisspeicher


Paradela

Bei Paradela

Puh, meine Füße sind ungewöhnlich hinüber. So viele Blasen hatte ich auf den letzten Touren nicht, und irgendwie kommen noch immer welche dazu. Aber man geht einfach weiter, der Schmerz lässt irgendwann von selbst nach. Jedenfalls bis zur nächsten Pause.
Auf die marschieren wir heute fast zwei Stunden hin, denn die wenigen Cafes am heutigen Wegesrand haben nicht offen. Irgendwann ist es aber soweit und es reicht für den üblichen Milchkaffee mit Käsebrot.
Nachdem wir gestern rund 45 Kilometer gegangen sind, muss es heute kein Gewaltmarsch sein. Etwa 30 sollten reichen. Das passt zum Etappenziel Arzua, einer kleinen Stadt mit vielen Pilgerherbergen.
Die Strecke ist recht unterschiedlich, mal ein paar Kilometer durch Hohlwege und Eukalyptuswälder (ich lerne aus dem Reiseführer: ökologisch schlecht, weil sie das Grundwasser senken), dann wieder an Straßen entlang. Immer mal wieder gibt es längere Aufstiege. Die Regenjacken sind aber schon längst wieder eingepackt, auch der Kapuzenpulli kann in den Rucksack.

nahe Melide

Brücke nahe Melide

Nach gut 16 Kilometern folgt ein hässliches Industriegebiet, dann landen wir auch schon gegen halb elf in Melide, einer eigentlich ganz netten größeren Stadt. Melide ist auch die Stadt des Pulpo. In den Pulperias kann man gekochten Tintenfisch essen. Ich kann Heiko nicht zu einem Stopp überreden, schwöre mir aber, auf jeden Fall noch eine Portion von den noppigen Kollegen zu futtern.

Es ist gerade Markttag, Händler bauen ihre Stände auf. Dazwischen auch Fleischer mit einem breiten Angebot aus Schweineohren,

Schweineohren

Schweineohren

gepökelten Schweinegesichtern und dicken Würsten. Nicht so mein Fall. Ich stöbere auch noch eine Weile beim Schuhmacher Laia. Jedesmal denke ich darüber nach, dort Schuhe zu kaufen. Aber ich gabe keine Lust, die Dinger noch bis Santiago zu tragen. Immerhin: einen Gürtel nehme ich mit.
Statt der großen Mittagspause nehmen wir nur einen Kaffee und verlassen die Stadt dann gleich wieder. Noch ein paar kleine Dörfer liegen auf dem Weg, dazwischen immer wieder Wälder.

Dekor

Dekor für Fortgeschrittene

Um drei dann sind wir in Arzua. Heiko entscheidet sich heute gegen die Herberge – er findet es nicht so spannend, mit 15 verwanzten Schnarchern in einem Raum eingesperrt zu sein, warum nur? Also nimmt er eine Pension mit attraktivem Dekor (siehe Bild links), während ich der Herberge den Zuschlag gebe. Ich bin ohnehin neben einem Engländer der einzige Gast und habe sogar ein freistehendes Bett. Ich kann meine Wäsche mit in eine Maschine werfen und mich kurz ausruhen. Und die Dusche ist auch 1A (Casa de Peregrino). Eine Stunde später treffen wir uns aber wieder zum Abendessen, meine Vorspeise: eine Ration Pulpo. Anschließend finden wir eine Pizzeria und essen original….äh…spanisch.

Pulpo

Pulpo rules!

Gegen 21 Uhr geht es ins Bett – die letzten zwei Tagesetappen liegen in den Knochen und morgen sollen es nochmal 40 Kilometer werden – bis Santiago. Für mich wird es eine sehr ruhige Nacht, denn es ist ja quasi niemand vor Ort. Auch mal nicht schlecht.

23. Mai 2016
von Arzua nach Santiago de Compostela

Wie gewohnt brechen wir nach einer Tasse Kaffee und dem örtlichen Schmalzgebäck auf. Es ist noch etwas kühl,und bedeckt, aber die Sonne lässt uns auch am letzten Wandertag nicht im Stich. Schon nach ein paar Kilometern wird es wieder richtig heiß. 40 Kilometer haben wir heute nochmal vor uns, da wir aber beide mit Blasen kämpfen, dürfte das kein Zuckerschlecken werden.
Auch wenn wir immer näher an Santiago heranrücken, bleibt die Strecke grün und waldreich, die Eukalyptusbäume werden immer mehr. Fast wie in Australien hier, fehlen bloß noch die Koalas.

Eukalyptuswälder

Eukalyptuswälder

Je näher wir Santiago kommen, um so mehr Pilger sind mit uns unterwegs. Es ist noch nicht unangenehm, aber für meinen Geschmack ein wenig viel. Irgendwann nervt es halt auch, wenn man tausendmal einen „Buen Camino“ wünscht.
Hinter Pedrouzo machen wir eine Pause. Pedrouzo ist für die meisten Pilger die letzte Station vor Santiago, hübsch ist sie allerdings nicht. In den letzten Jahren stand hier immer die Ruine einer „neuen Pilgerherberge“ – irgendwann ist das Geld ausgegangen. Aber als wir heute hier vorbeikommen, ist doch tatsächlich Betrieb. Ein neues Stockwerk ist entstanden, es geht wohl doch weiter.
Inzwischen ist es richtig heiß geworden und wir sind deutlich fußlahm. Die Aussicht, noch weitere 20 Kilometer auf der Uhr zu haben, ist daher auch eher mäßig erquickend. Nach Pedrouzo machen wir denn auch immer wieder kleine Pausen.

Kathedralvorplatz Santiago

Kathedralvorplatz

Der Weg zieht sich, bis endlich der Monto de Gozo in den Blick kommt. Von hier sieht man Santiago zum ersten Mal. Schnell noch ein Aquarius. dann geht es auf die letzten 6 Kilometer.
Als wir endlich durch die Porta de Santiago treten, schlägt das Wetter um, es nieselt. Ganz langsam regnet es sich ein.

 

Natürlich lassen wir es uns aber nicht nehmen. noch eine Runde die Atmosphäre auf dem Kathedralvorplatz zu genießen. Gruppen von Pilgern, Fahrradfahrer, Geschäftemacher und Kleinkünstler – es ist ein großes buntes Durcheinander. Wir checken in unser Hotel ein. Mein Stammhotel war leider eine ganze Weile offline, aber die Alternative ist quasi im selben Haus an der Rua do Franco, gleich an der Kathedrale. Das Zimmer ist etwas klein für zwei. Erstmal gepflegt duschen, dann geht es wieder raus in die Altstadt.

Die große Feier fällt aber aus, denn wir sind einfach zu fertig. Aber wir gehen noch Essen im Casa Manolo. Wir haben ja noch einen ganzen weiteren Tag in der Stadt, da wird es sicher neben der Messe und dem Abholen der Pilgerurkunde noch reichlich Gelegenheit geben.


Santiago

Santiago