Mein zehnter Jakobsweg: Auf dem Camino Frances im Mai 2016

Vom 14. bis zum 26. Mai 2016 war ich mal wieder auf dem Jakobsweg unterwegs. Nachdem ich im letzten Jahr den Camino Primitivo abgelaufen bin, wollte ich mir zu meinem 10 Jubiläum mal wieder die klassische Endetappe vornehmen. Den Reisebericht zum Camino Frances findest du auf dieser und den folgenden Seiten.

 

Gemeinsam mit meinem Pilgerkumpel Heiko war ich von Astorga aus unterwegs – bei meist traumhaftem Wetter auf einem diesmal sehr stark belebten Weg.
Für Heiko war es der erste Camino, es war also spannend für mich, auch mal wieder einen Blick dafür zu bekommen, welche Erwartungen ein „Newbie“ an den Jakobsweg hat. Um viele tolle Erfahrungen und einige nicht immer positive Einsichten in die stürmische Entwicklung des Weges reicher, haben wir die ca 270 Kilometer hinter uns gebracht. Den detaillierten Bericht könnt ihr hier lesen. Inzwischen habe ich auch meine Videoaufzeichnungen zu einem abendfüllenden Epos zusammengeschnitten. Ihr findet den Film in meinem Youtube-Profil.

Verlauf und Höhenprofil des Camino Frances

Samstag, 14. Mai 2016
Anreise: Von Hamburg über Madrid nach Leon

Schon wieder? ja, schon wieder. Heute startet mein zehnter Jakobsweg. Tags zuvor ging es in der Redaktion noch drunter und drüber, ein paar Stunden später sitze ich nun in einem Bus in Spanien und vertreibe mir die verbleibenden 5 Stunden bis Leon mit etwas Schreiben.

Auf dem Camino

Heute Morgen am Flughafen blickte ich noch skeptisch auf den TV-Schirm: dicke Rauchschwaden über einer Mülldeponie bei Madrid. Ob da der Flieger wohl landen darf? Er durfte. Übrigens bin ich zum ersten Mal mit Ryanair geflogen. Für einbeinige Asketen sicher angenehm, für mich nicht ganz so stark.
ryanair

Statt Bildschirmen am Sitz gibt es farbenfrohe aufgemalte Speisekarten von Fast-Food, das es an Bord zu kaufen gibt. „Sie geben sich keine Mühe, die Optik ihres Burgers aufzuhübschen“, meint Heiko.
So ist es. Aber: ein ruhiger Flug, die Verspätung beim Abflug wird locker wieder reingeholt.

Auch mit dem Anschlussbus klappt es ganz vorzüglich, die Busse der ALSA sind einfach Spitze. Mit WLAN, Entertainment-Programm, kostenlosen Wasserflaschen und Einzelsitzen deutlich mehr Luxus als im Flieger. Von den spanischen Bussen kann man sich in Deutschland wirklich eine Scheibe abschneiden. Aber stundenlang im Bus sitzt trotzdem niemand gern, auch wir nicht. Ach übrigens: Falls Ihr mal in Spanien mit dem Bus fahren wollt: Bestellt euch auf weiteren Etappen immer möglichst ein Online-Ticket vorab! Hier findet Ihr die Seite der ALSA

ALSA

Am Ziel in Leon

Kurz nach sieben erreichen wir Leon, der Weg zu unserem Hotel ist nicht weit. Es ist günstig und liegt recht zentral (Hotel Silken Luis de Leon). Nach einem kurzen Päuschen gehen wir uns die hübsche Stadt anschauen. Ein Blick auf die beeindruckende Kathedrale, ein Gang durch die netten kleinen Gassen, mehr bekommen wir nicht mehr auf die Reihe. Wir fragen uns, ob es ein besonderer Tag ist, denn auffällig viele Gruppen in merkwürdiger Verkleidung ziehen durch die Gassen – Junggesellenabschiede vielleicht? Von rosa Schweinchen bis Prinzessinnen ist wirklich alles dabei.

Wir essen in einem der zahllosen Restaurants, allerdings klappt es wie so oft nicht mit dem Bestellen. Auf der englischen Speisekarte bestelle ich etwas mit Fisch, statt dessen kommt irgendwas mit frisch gehäckselter Mettwurst. Okay. Der Hunger treibt es rein. Merke: Learn some Spanish! Gegen halb elf machen wir den Zapfenstreich, die Reste des Eurovision Song Contests summen uns in den Schlaf. Irgendwas mit osteuropäischem Pathos gewinnt.

Sonntag, 15. Mai
Von Leon nach Astorga und weiter bis Foncebadon

Bereits um halb sechs dingdongt der Wecker. Ratzfatz geht es los zum Zug. Erstaunlicherweise klappt auch das perfekt, die kaum gefüllte Bahn zuckelt los. Gegen 8 Uhr sind wir in Astorga, und ganz pünktlich kommt die Sonne raus. Nun ist es ganz offiziell: wir gehen los. Ein kurzer Besuch am Bischofspalast (vom Architekten Gaudi), schon verlassen wir die Stadt, setzen den Blinker und ab geht es links ab auf den Camino.

Astorga

Wir gehen durch die Maragateria, langgezogene Wege durch eine eher eintönige aber grüne Landschaft. Die Sonne scheint angenehm, kaum Wolken am Himmel. Schneebedeckte Berge reihen sich am Horizont. Unser Gehtempo ist flott, wir haben den selben Schritt, das passt gut. Vor und hinter uns sind eine ganze Menge Pilger, es ist recht voll, aber nicht unangenehm.

Bei Foncebadon

Auf dem Weg nach Foncebadon

Die erste Pause machen wir gegen 11 Uhr in El Ganso an der famosen Cowboy-Bar. Der Barkeeper steht um diese Zeit schon recht wackelig, die Bar hat sicherlich wie er schon bessere Zeiten gesehen. Vorn an der Straße verkauft ein freundlicher Banjo-spielender Halbindianer Schmuck, passend zum Wild-West-Ambiente.

Wir setzen unsere Tour fort, kommen durch viele kleine Dörfer. In Rabanal del Camino machen wir eine weitere kleine Pause. Es ist so voll, dass ich mir langsam Sorgen mache. Ob wir uns auf dieser Tour wohl auf die Hatz nach dem letzten Bett einstellen müssen?
Ab Rabanal geht es stetig stärker bergauf, dabei ist deutlich zu sehen, dass es in den letzten Tagen stark geregnet hat. Ausgespülte Wege, große Pfützen und der ein oder andere Umweg stehen auf dem Programm. Aber: Wetter weiter prima.

Brunnen bei Rabanal

Natürlich kommen wir auch an dem Brunnen hinter Rabanal vorbei, in dem sich die Schauspieler beim eher miesen Kerkeling-Film die Füße baden. Ich liebe diesen Ort, habe ich ihn doch zu allen Jahreszeiten schon gesehen. Leider sind wir nicht die einzigen Pilger hier oben, es beginnt sich zu füllen. Ein kräftiger Aufstieg noch, dann sind wir in Foncebadon.

Herberge Foncebadon

Herberge Foncebadon

Foncebadon: ein ganz besonderes Dorf

Noch vor wenigen Jahren gab es hier nichts, doch nun reihen sich die Herbergen dicht an dicht. Trotzdem wird es schwierig mit einem Platz zum Schlafen. Wir bekommen eine Matratze in einem Nebengebäude. Heiko betont, es handele sich um das moderigste Exemplar, seit es Moder gibt.

Dieter

Dieter

Er übertreibt natürlich maßlos. Wir treiben langsam in den Abend und melden uns für das Essen an. Bis es um 19 Uhr losgeht, kommen noch so einige, die keinen Schlafplatz mehr im Dorf finden. Aber unsere Herberge scheint so eine Art Notaufnahmelager zu sein und findet für alle ein Plätzchen. Mitten im Essen geht plötzlich die Tür auf und ich kann es nicht fassen: Da steht Dieter, ein Mitpilger, den ich im letzten Jahr auf dem Camino Primitivo kennengelernt habe. „Hallo Dirk“, sagt er ganz lapidar. Was für ein unglaublicher Zufall, ich kann es kaum fassen.

Das Essen ist prima, sogar vegetarisch. Nach einem Feierabend-Bier begeben wir uns zum Hinterhof, wo wir aufgrund der Überfüllung einen Platz bekommen haben und legen uns hin. Heiko schläft neben einem Glas Mayonnaise und einer Brille. Offenbar hat auf seiner Matratze sonst jemand anders sein zuhause.

Montag, 16. Mai 2016
von Foncebadon nach Ponferrada

Wir wachen auch ohne Wecker problemlos auf. Es raschelt überall im Raum, der Gockel auf dem Hof tut sein übriges dazu. Fix stehen wir auf und machen uns nach einer kurzen Tasse Kaffee auf den Weg. Mann, haben wir ein Glück, das Wetter scheint wieder Bombe zu werden, die gerade ausgepackte Jacke verschwindet sofort wieder im Rucksack.

Draußen vor der Herberge  macht sich eine ganze Karawane von Pilgern auf den Weg, aber es verläuft sich zum Glück dann doch recht schnell. Es geht straight nach oben, wir gehen durch bis Manjarin, dort wo ein verrückter Ex-Pilger vor Jahren in einem verlassenen Dorf sein Lager in den Ruinen aufschlug und dann nach und nach ein Templer-Quartier aufbaute.

Manjarin

Manjarin

Er lebt in seiner eigenen verschrobenen Welt, ist aber dadurch irgendwie zum Teil des Jakobsweg-Themenparks geworden. Heiko trinkt dort fast einen Kaffee, ich rette ihm mit einem Hinweis auf die semi-idealen hygienischen Zustände im Etablissement das Leben. Ich erinnere mich, dass ich hier einst vorbeikam, als der Herbergsvater im vollen Tempelritter-Format einige schwedische Pilger zu Tempelrittern schlug. Seit dem habe ich Templer-Thomas nur nur einmal leibhaftig hier angetroffen. Meist stehen seine Hilfs-Knappen am Thresen und verkaufen Soft-Drinks, Tee und ein paar Kekse und Andenken.

Nach Manjarin sind es nur noch ein paar Minuten, dann landen wir auch schon am Cruz de Ferro, dort wo alle Pilger einen Stein hinterlassen – als Symbol für irgendeine Last, die sie in ihrem Leben mit sich herumschleppen.

Cruz de Ferro

Cruz de Ferro

Das Cruz de Ferro

Das Eisenkreuz ist eines der bekannten Wahrzeichen des Weges und so eine Art Zwischenziel, das man unbedingt gesehen haben muss. Ich frage mich, ob die Behörden hier wohl in jedem Jahr in einer Nacht- und Nebelaktion den gewaltigen Berg von Steinen mit einem Bagger abbauen, sonst wäre hier wohl schon ein künstliches Gebirge entstanden. Wir stoppen kurz, dann geht es weiter, denn so richtig innehalten kann man schon aufgrund des großen Andrangs nicht wirklich. Neben Steinen lagert hier noch allerlei anderes Zeug: Zigarettenschachteln, zerstörte Handys, Bilder von Verstorbenen, Schuhe oder Briefe an Verflossene. Ich habe hier schon Leute weinen sehen, denn für viele Pilger ist es ein bewegender Moment, hier über ihre ganz persönlichen Probleme nachzudenken und vielleicht das ein oder andere auch einfach loszulassen.
Einen Eindruck bekommt ihr beim Anschauen des folgenden 360 Grad Videos. Nicht vergessen: Ihr könnt reinklicken und die Perspektive ändern. Wahrscheinlich geht es sogar irgendwie mit einer VR-Cardboard-Brille und eurem Handy. Dann steht ihr mittendrin.

Es geht noch ein Stück weiter hoch. Verdammt: ich bekomme eine Blase. Egal. Weiter. Denn ansonsten geht es uns beiden prima. Die 30 Kilometer von gestern waren ziemlich lässig, auch heute zielen wir auf diese Distanz.

Cruz de Ferro

Cruz de Ferro

Pause in El Acebo

Wir stoppen nach einem heftigen Abstieg in El Acebo für ein Mittagsbier, das muss man als Pilger nämlich unbedingt haben. Mit einem Bocadillo (Riesen-Baguette) und einer Empanada im Magen geht es weiter. Schöne kleine Dörfer in einer immer netteren Landschaft machen die Tour perfekt. Die absolute Krönung aber ist die Wanderung durch das Nachtigallen-Tal: Die Vögel zwitschern wie irre, es duftet ganz stark nach Blumen und Honig. Einfach wunderbar. Wir verkneifen uns eine weitere Pause und marschieren weiter bis Molinaseca, laut Heiko die bisher schönste Stadt am Jakobsweg. Bei einem Kamillentee blicken wir auf den Fluss und lassen unseren Füßen etwas Luft zum Atmen. Die ein oder andere Blase zeigt sich langsam auch schon. Zwar habe ich meine Schuhe vorher eingelaufen, doch eine 30 Kilometer-Distanz ist eben doch noch was anderes. Wenn es draußen sehr warm ist, wird wohl fast jeder mal so ein Problem bekommen. Da kann man dann nicht viel mehr machen als Zähne zusammenbeißen und Compeed draufkleben. Ich schwör‘ drauf.

Noch 1,5 Stunden, dann sind wir in Ponferrada. Die Stadt ist etwas größer und hat eine stattliche Templerburg zu bieten. Falls ihr mal hierherkommt: es lohnt sich nicht so richtig, den Eintritt für innen zu zahlen. Drinnen ist nämlich quasi nichts.

Templerburg Ponferrada

Templerburg in Ponferrada

In Ponferrada versuchen wir es erst mit der privaten Herberge – wieder alles voll. Aber in der kirchlichen Herberge ist Platz für uns. Selten fühlte sich eine Dusche so gut an. Wir gehen in die Stadt, schlendern an der beeindruckenden Templerburg vorbei.Das obligatorische Pilgermenü ist kein Knaller: Heikos Schlachtplatte besteht hauptsächlich aus in Fett badender Fettbacke. Und meine Forelle (schon auf der Speisekarte stand  das Wort „klein“, ich hätte es wissen müssen) besteht aus drei Mini-Fischen, die wahrscheinlich mal Selbstmord begangen haben. Immerhin gibt es dazu zwei (!) Kartoffeln. Wir schleppen uns zurück in der Herberge und schlafen im Viererzimmer unruhig ein.

Dienstag, der 17. Mai 2016
Von Ponferrada nach Villafranca

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Unterwegs nach Villafranca

Heiko leidet unter seniler Bettflucht, raschelt gegen 4 Uhr mit Tüten und poltert mit leeren Wasserflaschen. Ich kann auch nicht mehr so richtig pennen, zumal die Luft in unserem Apartment wie die Waschküche eines Tropenaquariums riecht. Bloß nicht das Fenster aufmachen.
Um 6 Uhr heißt es endgültig „Aufstehen“. Wir packen unsere Siebensachen und machen uns auf den Weg. Es dauert eine Weile, bis wir die Ausläufer der Stadt hinter uns gelassen haben. In Camponayara gönnen wir uns einen Kaffee, ich drängle etwas, weil ich unbedingt heute einen Platz in der Herberge von Jesus Jato in Villafranca nächtigen will. Die Herberge gehört für mich zu den besonderen am Jakobsweg, ich habe hier eigentlich immer Halt gemacht. Die Atmosphäre ist sehr speziell. Wenn es dort auch wieder „completo“ sein sollte, würde ich mich ärgern. Gestern Abend habe ich noch gehört, dass in Santiago mal wieder ein Rekord gebrochen wurde: 800 Pilger sind an einem einzigen Tag angekommen.

Weinreben bei Villafranca

In den Weinreben bei Villafranca

Wir sind im Bierzo unterwegs, einer Gegend, aus der ein netter Wein kommt. Meist sind die Weine aus der Mencia-Traube, die man sonst eher selten findet.
Im Ort Cacabelos reihen sich denn auch die Bodegas aneinander, wir stoppen in der kleinen Stadt für ein Frühstück. Halbwegs rohe Eier und eine Dose Bohnen. Na ja. Wir sind schnell unterwegs heute und kommen gut voran.

Ein längeres Stück Straße, nicht allzu hübsch. Aber dann geht es nach rechts, mitten durch die schönen Weinberge, an den Reben zeigen sich erst jetzt die ersten Blätter. Ein absoluter Traum. Hier beginnt für mich langsam das landschaftlich schönste Stück des Camino.

Kurz vor unserem Ziel Villafranca liegt das wohl meistfotografierte Haus des Jakobswegs: ein schönes weißes Gebäude, das in der Sonne leuchtet und allein auf weiter Flur steht. Ich frage mich immer, wer wohl das Glück hat, dort zu wohnen. Irgendwann klopfe ich vielleicht einfach mal an.


Mit der aus der Redaktion geliehenen 360 Grad Kamera mache ich ein paar Aufnahmen. Zuhause werde ich die noch einbauen: dann könnt ihr den Camino in der Virtual Reality erleben (EDIT: Das habe ich natürlich inzwischen gemacht. Das Video findet ihr direkt hier. Die Qualität ist ziemlich mau, aber wer eine VR-Brille oder ein Google Cardboard hat, kann es mal ausprobieren. Alle anderen können es einfach starten und im Video die Perspektive ändern).

Dann kommen wir in Villafranca an, es ist erst halb eins. Und alle Sorgen waren umsonst: wir sind quasi die ersten in der Herberge. Außerdem ist die sonst etwas sympathisch-heruntergekommene Herberge erst vor einem Monat frisch renoviert worden. Spitze! Wir machen uns erstmal eine Runde frisch und wandern anschließend in das Städtchen. Obwohl ich schon häufig hier war, habe ich mir die Kirche noch nie angesehen, das hole ich jetzt nach.