Die Nacht war ruhig – ich hatte mich angesichts zweier französischer Golden-Ager und Jürgens professioneller Schnarcher-Attitüde für Ohrenstopfen entschieden. Weiß der Teufel warum, aber mit Ohropax träume ich immer die Gesamtausgabe von Blödsinn.

Die Herbergsköchin hatte bereits am Vortag klar gemacht, dass sie keinesfalls vor 8 Uhr auf die Idee kommen würde, ein Frühstück auf den Teller zu bringen. Mir ist es schnuppe, ich gehe einfach los. So angenehm sonnig der vorherige Nachmittag auch war, der Morgen ist äußerst kühl und ungemütlich, zwischendurch tröpfelt es immer wieder. Die Markierungen sind hier und da etwas versteckt, ich muss besonders aufpassen, keinen Pfeil zu verpassen. Zwei Wanderer kommen mir entgegen, weil sie ihre jeweiligen Kumpels verloren hatten.
Es geht nochmal auf 1000 Meter hoch, auf dem Gipfel erreiche ich schließlich die Grenze zu Galicien.

Kurz nach der Regionalgrenze ein alleinstehendes Haus, das den Anspruch hat, ein ganzes Dorf zu sein – Acebo nämlich. Natürlich ist es eine Bar, drinnen ein etwas einsilbiger älterer Herr, der sich mit traumwandlerischer Sicherheit inmitten eines verschrobenen Sammelsuriums antiker Weinflaschen, abgelegter Uhren, Real Madrid Postern und Zeitungsausschnitten bewegt.

Es gibt EINEN Tisch, der den Putzlappen wohl ebenso lang nicht gesehen hat wie der Rest dieser Inkarnation schmuddeliger Gemütlichkeit. Kurz: ich nehme einen Kaffee, denn zumindest sein Musikgeschmack ist tadellos. Frank Sinatra sowie spanische und italienische Schlager der 50er Jahre.

Eine Weile bin ich der einzige Gast, dann kommen immer mehr durchgefrorene Pilger dazu. Zeit, wieder den Rucksack zu schultern. Es geht zügig weiter durch die lila blühende Berglandschaft, am Ziel zeigt sich schon das Ziel der Tagesetappen: Fonsegrada. Ich denke kilometerlang darüber nach, noch weiter zuziehen. Nach 20 Kilometer ist man einfach zu früh am Ziel. Es ist ja nicht so, dass in jedem Kaff kulturelle Highlights warten.

Aber es ist so regnerisch. Und die nächste Herberge ist weitere 22 Kilometer entfernt. Vielleicht zu hart. In der Herberge angekommen, liegt dort eine Notiz für mich –  von Jürgen. „Hallo Dirk, ich mache noch eine Etappe, habe das Bett storniert. Buen Camino!“

Mach’s gut Jürgen! Dich hole ich wohl nicht mehr ein.

Die Restgruppe kommt später eingetrudelt, sie gehen essen, aber ich habe noch nicht so recht Hunger. Ich mache mich erst am Abend auf und finde eine Pulperia – Hurra!

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