Reisebericht Camino Frances, Teil 2

4. Wandertag,
Puente la Reina bis Villamayor, 17. Mai 2014

Heute komme ich recht spät los. Nach einem Automaten-Kaffee geht’s gegen 7 Uhr los durch die langsam eintöniger werdende Landschaft. Immer mehr riesige Weizenfelder begleiten den Camino links und rechts. Dazwischen breiten sich dicke rote Streifen von Mohnblumen aus.
Mohnblumen Jakobsweg

Schon um 13 Uhr bin ich in Estella, meinem zunächst eingeplanten Ziel. Zu früh, um den Tag zu beschließen. Estella hat eine Menge romanische Bauten, aber man kommt nirgendwo rein. Schade. Das letzte Mal bin ich hier geblieben, aber ich beschließe in der Mittagsrast, noch 8 Kilometer draufzulegen. Villamayor liegt in dieser Distanz, das sollte leicht zu machen sein.

Inzwischen wird es immer heißer. Kurz nach Estella kommt die Bodega Irache. Eigentlich nichts besonderes, wenn da nicht die Weinquelle wäre, wo die Pilger sich bedienen können. Eine Webcam filmt das Ganze, also nutze ich die Chance, meiner Familie die Webseite mitzuteilen (www.irache.com), um Papa kurz  am PC live zu sehen.

Bodegas Irache

Dort treffe ich auf zwei Radfahrer aus Seattle, die sich in ihrem Gepäck total verschätzt haben. Alle paar Meter müssen sie absteigen, ich überhole sie bestimmt zehn mal. Noch ein paar Kilometer, dann erreiche ich Villamayor. Ich bekomme den letzten Platz. Ein Holländer, den ich schon in St. Jean traf, und eine Koreanerin werden draußen auf Isomatten schlafen müsse. Ich hatte sie auf den letzten Metern überholt.

5. Wandertag,
Villamayor bis Torres del Rio, 18. Mai 2014

Der gestrige Abend endete, nun ja, recht kontemplativ. Ich habe in der Albuerge von Oasis Trail übernachtet, so eine Art ökumenisches Zentrum mit wirklich netter Atmosphäre. Eine Menge holländische Freiwillige machen dort Dienst. Ich habe sogar an der „Jesus-Mediatiton“ in einem mit Sitzkissen und Teppichen heimelig eingerichteten Stall teilgenommen, was sonst nicht so meine Art ist. Konvertiert bin ich noch nicht, zumal ich anschließend mit den Holländern kontrovers diskutieren konnte. Um es kurz zu machen: ich konnte auch keinen von denen zum allgemeinen miesepetrigen Skeptizismus gegenüber allem missionieren. Vielleicht auch, weil alle viel zu freundlich sind und sich mit den Pilgern sehr viel Mühe geben.

Es gab ein nettes Essen, wobei man mir netterweise auch eine Extrawurst zubereitete und ich ein Chili con Carne ohne Carne bekam. Zum Nachtisch gibt’s einen Vanillepudding von Ursi. Ja, tatsächlich, er kommt von Aldi aus Deutschland. Und das Frühstück am nächsten Morgen war auch nicht schlecht.
IMAG0909

Für heute hatte ich mir eine echte Warmduscher-Distanz vorgenommen, um Kraft für den nächsten Tag zu sammeln. Morgen und übermorgen, so der Plan, will ich Distanzen um die 40 Kilometer gehen. Mal sehen, ob das klappt.San Miguel

Der Weg ist recht unspektakulär, unterwegs hört man nur Vögel zwitschern und weit entfernte Motorräder, die sich offenbar ein Rennen liefern. Ein interessanter Friedhof liegt rechts der Straße: “Wenn du hier durchkommst, dann denke daran, dass ich einst war wie du“ steht dran. Jedenfalls so ungefähr.

Zwischendurch mache ich nur einen einzigen Halt bei einem Mini-Mercado, der ein seltsames Getränk im Angebot hat: San Miguel ohne Alkohol mit Apfelsaft. Das wird garantiert kein Trendgetränk.

Torres del Rio ist ein sehr angenehmer Ort, hier steht auch eine eindrucksvolle Templer-Kirche, die ich mir nachher nochmal anschaue. Das letzte Mal habe ich hier mit Pilgerkumpanen sehr lange zusammengesessen. Torres del RioIch erreiche das Dorf bei bestem Wetter bereits gegen 13 Uhr und hadere kurz mit mir, ob ich nicht doch noch weiterziehen. 20 Kilometer sind ja irgendwie keine Herausforderung. Das Dorf ist kaum wiederzuerkennen. Ein neues Hotel im alten Stil ist hier gebaut worden. Ganz schick, aber doch irgendwie deplaziert und eine Nummer zu groß. Zum Glück drängen sich auf den Straßen noch keine Massen. Man merkt aber schon, dass der Trubel um den Camino den Weg verändert und dass auf Kosten der Ursprünglichkeit. Aber ich will nicht klagen:  es eine neue Pilgerherberge mit allem Pi, Pa und auch Po. Sogar einen Mini-Pool haben die hier, die Leute sind freundlich und äußerst hilfsbereit. Also nichts gegen gelegentlichen Luxus. Ich steige dort ab und nutze die frühe Ankunft für die ganz große Wäsche.

6. Wandertag,
Torres del Rio bis Navarrete,
19. Mai 2014


Gestern Abend gab es noch eine sehr nette Runde. Ein Engländer aus Birmingham feierte seinen 22. Geburtstag, er wird wahrscheinlich nie wieder so internationale Gäste haben. Australier, Amerikaner, Österreicher, Deutsche, Spanier und Italiener – es war ziemlich nah an der UN-Vollversammlung. Bis zur üblichen 22 Uhr Sperrstunde saßen wir zusammen und erzählten uns Geschichten vom Weg.

Danach schlafe ich wie ein Stein. Am nächsten Morgen geht es natürlich trotzdem frisch los, wenn auch eine halbe Stunde später als sonst. Im Fernsehen muss ich kurz vor dem Aufbruch noch im Wetterbericht sehen, wie sich dicke Wolken und Gewitter über die Mattscheide schieben. Bis Logrono zieht es sich immer mehr zu, aber es tröpfelt kaum, ein Glück für mich.
In Viana mache ich kurz Pause, um mir die Kirche anzuschauen. Vor dem Portal liegt das Grab von Cesare Borgia, offenbar schon damals so unbeliebt, dass sie ihn nicht in der Kirche verbuddeln wollten. Muss ein wirklich mieser Typ gewesen sein.

Grab von Cesare Borgia

Logrono ist die Hauptstadt der Rioja, ziemlich groß, aber für meine Begriffe nicht sonderlich einladend. Geblieben bin ich hier noch nie. Nur die Kirche ist wirklich beeindruckend, hier haben die Spanier besonders viel vom geraubten Inka-Gold verpinselt. Der Weg aus Logrono raus zieht sich ewig hin, da wird man schon ein wenig müde.

WLogronoenn man so dabei zuschaut, wie die Spanier ihren Wein spritzen, wird einem ganz übel. Dabei habe ich irgendwo mal gelesen, dass direkt am Weg gar nicht gespritzt werden soll. Wohl doch nur ein Gerücht. Vielleicht doch wieder Bio-Wein? Na ja, Schwamm drüber. Um 15 Uhr bin ich in Navarrete, das waren dann 34 Kilometer. Eigentlich sollten es mehr werden, aber was soll’s. Hier treffe ich auf dem Kirchenplatz auch auf Chris, einen der Australier von gestern…die Abendgesellschaft ist gerettet.

7. Wandertag,
Navarrete bis Santo Domingo, 20. Mai 2014


Na, wenigstens einen Vierziger kann ich nun vorweisen. Obwohl der Wetterbericht apokalyptisch war, schert sich das reale Wetter kaum darum. Nach einer gut durchschlafen Nacht geht es um 7 Uhr los durch die endlos weiche Hügellandschaft der Rioja. Unterwegs fast nur neue Gesichter. Den Australier Chris, mit dem ich schon das ein oder andere Pilgermenü teilte, hängt hinterher (gestern erzählte er, dass er früher eine Firma für “artificial turf“ hatte, und ich habe halbwegs verstanden, dass das Zeug wohl für Fußball- und Golfplätze gebraucht wird). Nur eine durchgedrehte Amerikanerin aus Wyoming und einen 70-jährigen Mallorciner mit bemerkenswert schnellem Schritt treffe ich immer wieder. Aber bis Santo Domingo will nur die Amerikanerin noch weiter.

Obwohl die Landschaft recht eindimensional ist, ist das Szenario wunderbar. Sieht irgendwie alles aus wie die grüne Wiese von Windows XP. Um noch etwas Thrill in die Strecke zu bringen, wähle ich eine alternative Route und verfranse mich prompt, weil die Pfeile irgendwann aufhören und die Wegbeschreibung nur mäßig eindeutig ist. Aber am Horizont sehe ich andere Pilger und kann mich orientieren. Ganz plötzlich liegt Santo Domingo vor mir, der Weg hinein zieht sich ziemlich. In der Herberge des örtlichen Klosters ist schon alles voll, aber es gibt noch eine Alternative mit 200 Schlafplätzen. Ich muss also nicht noch weiterziehen.

Ich bin erst gegen 16 Uhr da, kein Wunder nach den 41 Kilometern. Nach der Dusche bleibt noch Zeit für Kultur. Also rein in die Kathedrale, die eigentlich keine mehr ist. Dort liegt der heilige Santo Domingo begraben, und es gibt natürlich auch das passende allseits berühmte Wunder dazu: Ein armer (deutscher) Pilgerjunge wurde fälschlich des Diebstahls beschuldigt, weil eine miese Spanierin ihm nach verschmähter Liebe einen Silberbecher ins Gepäck schmuggelte. Man hängte ihn also. Doch als die Eltern ihn fanden, hing er noch lebendig am Seil, weil der Heilige ihn stützte. Die Eltern gingen zum Bürgermeister, um ihm vom Wunder zu berichten. Er lachte und meinte, der Junge sei so lebendig wie die Hühner, die er gerade verspeiste. Und zack, wurden die Hühner lebendig und flatterten umher. Seit dem hält man in der Kirche immer ein paar Hühner. Die werden alle 14 Tage ausgewechselt, die Ersatzbank kräht im Hinterhof der Herberge.