Jakobsweg einmal anders:
Eine Reise auf dem Camino Primitivo

Weniger populär als der allseits bekannte Camino Frances ist der Camino Primitivo. Er beginnt in Oviedo an der spanischen Nordküste, und damit in einer Stadt, die man bequem anfliegen kann. Sein Ruf: er ist hart, einsam, aber landschaftlich vielleicht der schönste aller Jakobswege. Meine Erfahrungen findest du in diesem Bericht.

Verlauf und Etappen des Camino Primitivo

13. Mai 2015
Auf dem Weg nach Madrid

Diesmal habe ich es mir wirklich nicht leicht gemacht mit dem Camino. Es ist mein neunter Jakobsweg und er sollte „irgendwie anders“ werden. 13 Wandertage hat mir meine Familie dafür Zeit geschenkt, und diese 13 Tage hatten auch ihren Grund: denn so sollte ich ohne größere Schwierigkeiten den Camino Primitivo schaffen, eine Variante, die abseits der großen Pilgerströme von der Nordküste Spanien einmal quer durch Galizien geht.

Dann kamen die Zweifel: Rund 10.000 Höhenmeter in 13 Tagen, ein dünnes Herbergsnetz und vielleicht doch eine Spur zu viel Einsamkeit? Als Alternative bot sich die „gewöhnliche“ Strecke ab Burgos an. Schließlich hatte ich dort im letzten Jahr meinen Weg beendet. Aber dann hätte ich durch die ziemlich langweilige Meseta gemusst, in der es neben Weizenfeldern und schnurgeraden Wegen eigentlich nur noch mehr Weizenfelder und noch mehr schnurgerade Wege gibt.  Och nö. Also schwenkte ich um auf den Camino del Norte, den Weg an der Küste entlang. Sogar ein Hotel für den Anreisetag hatte ich schon gebucht. Doch drei Tage vor dem Abflug habe ich mich dann doch noch anders entschieden. Es wird doch der Primitivo.
Jetzt sitze ich im Flugzeug der Norwegian Air (freies WLAN in der Luft. Whoaaah!) und bin auf dem Weg nach Madrid. Von dort gehts weiter mit dem Mietwagen nach Oviedo. Ich bin gespannt, was dieser Camino bringen wird.

Nach drei Stunden Flug lande ich in Madrid – mäßig optimal, denn bis Oviedo sind es noch vier Autostunden. Mit dem Mietwagen zuckel ich Richtung Nordspanien, die Landschaft wird ab Leon immer netter.
Gegen 21 Uhr erreiche ich endlich Oviedo, mein ranziges Hotel zehn Minuten später. Cool, alles klappt. Jetzt schnell noch in die Kneipe um die Ecke und ein lieblos bereitetes Mahl inmitten von Fußball-Spaniern, die Juve gegen Real Madrid schauen. Ich bin der Einzige, den das Null interessiert.

Donnerstag, 14.Mai 2015
Von Oviedo bis San Juan de Villapaneda


Gegen 6.30 klingelt der Wecker, allerdings völlig nutzlos. Denn noch am Abend zuvor habe ich festgestellt, dass ich wirklich an alles gedacht habe. Nur das verdammte iPhone Kabel habe ich dann doch zuhause gelassen und ich muss darauf warten, dass der Elektro-Spanier um die Ecke seine Pforten öffnet. Das tut er aber natürlich erst um zehn. Also frühstücke ich ausgiebig und schaue noch in die Kathedrale. Dahinter gibt es schlicht gar keine Wegweiser mehr. Wo sind meine gelben Pfeile? Gut, dass mein Guide alles bis zum letzten Grashalm beschreibt.


Dann gibt’s pünktlich zum Loslaufen den ersten Schauer. Na ja, es hält sich in Grenzen. Weil ich eh schon zu spät bin, mache ich noch einen Abstecher zu zwei Kirchen aus dem 9. Jahrhundert, lärmende Schulklassen kommen mir entgegen. Danach wird es immer ruhiger. Tatsächlich ist es deutlich anstrengender als auf dem Camino Frances. Der Primitivo bringt mich ganz schön ins Schwitzen.
Andere Pilger? Fehlanzeige. Nicht mal Eingeborene sehe ich eine ganze Weile.
Erst geht es bis Esclamperos, dann nochmal 17 Kilometer bis Grado. Vor allem diese Etappe ist atemberaubend schön, saftiges Grün überall, manchmal geht man über schmale Pfade, die von rechts und links langsam einwachsen. So darf es bleiben.
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Im Supermarkt von Grado decke ich mich mit Verpflegung ein, denn ich will noch hoch zur abgelegenen Herberge von San Juan. Sauanstrengend.
Oben angekommen bin ich erstaunt: die Herberge ist randvoll. Okay, es gibt auch nur 20 Plätze. Aber wo sind die alle den ganzen Tag gewesen?

Freitag, 15.Mai 2015
Von San Juan nach Bodenaya


Die Nacht war ruhig und angenehm, erstaunlich bei 20 Leuten in einem Raum. Ich habe jedenfalls niemanden schnarchen hören. Es beginnt mit einem leichten Aufstieg bei angenehm kühlen Temperaturen. Tatsächlich sehe ich deutlich mehr Pilger als in den letzten zwei Tagen. Im Laufe des Morgens verläuft sich das aber.
Die Landschaft bleibt ein Traum: mal geht es an einem Fluss entlang, mal durch märchenhafte Wälder.

Leider geht es aber auch ziemlich märchenhaft bergauf. Krass bergauf. Aber ich bin ja nicht zum Spaß hier.  Schon gegen 14 Uhr bin ich in Salas, wo ich mich mit einem netten Spanier zur Pause nieder lasse. Er war zwei Jahre Mönch und schreibt nun Bücher über keltische Magie und Poesie. Scheint wenig einträglich zu sein, denn er schläft in Kirchen, nicht in Herbergen.

Nach der Pause geht es nochmal richtig zur Sache: 8 Kilometer Aufstieg. Klar, dass es gerade dann zu regnen beginnt. In Bodenaya bin ich gegen 15 Uhr. Diese Herberge hat etwas sehr besonderes: es riecht nach Räucherstäbchen, Musik von Einaudi klimpert aus dem Lautsprecher. Und dem Hospitalero David strahlt eine ehrlich gemeinte Willkommensphilosophie aus den Augen. So sehr, dass es einem der Pilger glatt die Sprache verschlägt und er zu weinen beginnt. Ganz nebenbei: alles läuft auf Spendenbasis.Ich würde einen Euro extra geben, um zu erfahren, ob das System funtioniert.

Einen prominenten Gast hat die Herberge heute auch: Jürgen Klinsmann ist hier. Sieht aber deutlich anders aus, als der vom Fußball.

Samstag, 16. Mai 2015.
Von Bodenaya nach Borres


Der Abend verläuft so, wie es das warme Willkommen erwarten ließ: die ganze Pilgergruppe sitzt gemeinsam am Tisch der Herberge, der Hospitalero kocht uns eine deftige Linsensuppe und legt noch einen Nudelsalat und ’nen frisch gepflückten Joghurt drauf. Ein grau gelockter Kanadier interviewt mich für einen Vortrag. Ich habe nicht genau verstanden, woran er forscht, aber es klang enorm wichtig.

Gegen zehn Uhr verziehen sich alle in die Kojen, wer in den Stockbetten oben liegt, sollte nicht klaustrophobisch sein, denn die Decke beginnt wenige Zentimeter über dem liegenden Schläfer.
Am Morgen weckt uns Musik, ruckzuck sitzen alle am Frühstückstisch und schon verabschieden sich die Damme und Herren Pilger nach und nach. Also auch ich. An die Aufstiege habe ich mich schon gewöhnt, die Steigungen sind zwar hart, aber immer nur kurz. Ich begegne kaum anderen Pilgern, ab und an in Sichtweite ist nur  eine Leipziger Studentin, die mich gestern Abend schon unglaublich genervt hat, weil sie alles ätzend findet und sich offenbar völlig falsche Vorstellungen gemacht hat. Da halte ich lieber Abstand und schalte den MP3-Player an.

auf dem Weg nach Borres

Am Nachmittag merke ich auch, dass mein Internet nicht mehr funzt. 1,8 Gigabyte in drei Tagen verbraucht? Da werde ich wohl den Blog erstmal ohne Bilder füllen müssen und dann nach liefern.

Ich komme durch Tineo, wo ich eigentlich pausieren wollte, aber ich finde nichts, was mir spontan gefällt und Laufe eineinfach weiter. Deswegen bin ich auch schon sehr früh in Campiello, wo es eine große Herberge gibt.
Aber auch dort nehme ich nur einen Kaffee und latsche weiter bis Borres.

Sonntag,17.Mai 2015.
Von Borres bis Berducedo


Okay, heute kommt die harte Etappe. Nachdem gestern die überbelegte Gesamtherberge mit ihren 15 Einwohnern noch eine Weile in der überraschend vorhandenen Bar eingekehrt ist, war die Nacht ziemlich unruhig. Ich weiß nicht, ob die Schnarcher mich mehr genervt haben als die französische Dame, die alle 60 Sekunden ein „Sschhh“ in den Raum grunzte. Am Morgen geht es dann um 6.30 los.

Jetzt zeigt sich der Primitivo sowohl von seiner ganz harten als auch von seiner schönsten Seite. Es geht fies nach oben, dazu kommt mehr und mehr Nebel. So viel Nebel, dass man kaum noch etwas anderes sieht. Es pfeift mir um die Ohren, in unserer Vierergruppe beginnt eine Spanierin irgendwann zu dehydrieren, ihre zwei Kavaliere kümmern sich aber aufopferungsvoll.

Auf 22 Kilometer gibt es nix, kein Café, kein Haus, einfach nichts. Nur weitere Bergspitzen, die sich aus dem Nebel hervorschälen. Gerade, wenn man denkt, dass man nun eigentlich auf dem Dach der Welt angekommen sein muss, kommt noch ein weiteres Dach.

Die Gesamtdistanz ist mit 25 Kilometern ja gar nicht so weit, aber ich gebe es zu: es ist echt hart. Ich frage mich, wie die beiden 74-jährigen Zwillingsschwestern, die ich hier gelegentlich sehe, das hier hinbekommen.
Wir machen keine größeren Pausen, wollen nur ankommen, weil inzwischen alle verstanden haben, dass es durchaus einen gewissen Run auf die Betten gibt. Das hat keiner meiner Mitpilger erwartet.

Zum ersten Mal auf meinen Caminos reerviere ich ein Bett in der Herberge. Um etwa 14 Uhr kommen wir in Berducedo an. Nur Dank der Reservierung gibt es noch einen Platz. Selten hat sich eine Dusche so gut angefühlt.

Montag, 18. Mai 2015.
Von Berducedo nach Castro


Pilgerbruder K. schnarcht gewaltig. Der verzweifelte Rest der Schlafsaal-Belegschaft ist kurz davor, Beifall zu klatschen, als sich einer aus ihrer Mitte erbarmt und den Säger wachrüttelt. Es hilft nur kurz und draußen schreit kurz darauf auch schon eine ganze Armada von Hähnen.
Also zackig hoch und raus aus der Albergue, auf den Mikrowellen-Kaffee verzichte ich gern. Dafür geht’s auch gleich durch fette Nebelschwaden bergauf – was auch sonst. Nach zwanzig Minuten aber ist es fürs erste geschafft, und ich habe einen atemberaubenden Blick von oben auf die Nebelwand. Darüber scheint die Sonne und wärmt mir den Schädel. Ein tolles Panorama.

Dann geht es weiter, mal durch Wälder, mal auf der Nationalstraße (es kommt nur alle 15 Minuten mal ein Auto), mal auf schmalen Pfaden an Berghängen entlang und schließlich über 2,5 Kilometer anstrengend bergab, wobei sich mehr und mehr durch das Dickicht ein Blick auf den Stausee von Grandas de Salime ergibt. Den beeindruckenden Damm sehe ich dann kurz darauf auch. Ich gehe die ganze Zeit allein, die Gruppe, die ich eigentlich von Beginn an immer wieder treffe, ist zwar nett, aber es wird mir zu viel gesabbelt.
Heute will ich mehr Pausen machen, gestern war ich einfach zu sehr darauf fokussiert, auf der harten Etappe voranzukommen. Das klappt gut. Ich habe ja ein Bett reserviert, da muss ich mir keine Gedanken machen über die wenigen Pilger, die mich überholen.

Am Stausee gönne ich mir in der ersten Bar auf der Strecke einen Café con Leche und ein Bocadillo, so heißen hier die Monster-Baguettes der Eingeborenen. Energiegeladen geht es dann weiter: Die Bergab-Kilometer gehen vom Stausee aus dann natürlich auch wieder hoch, aber das Bocadillo wirkt Wunder und ich komme zügig weiter. Kurz nach dem Mittag lande ich im Ort Grandas de Salime. Ich kaufe im Mini-Supermercado ein, weil es am Zielort angeblich nichts gibt.

Kurz verfranse ich mich mit dem Weg, die Auszeichnung ist widersprüchlich. Aber nach ein paar Minuten bin ich wieder auf der richtigen Spur. Die Gruppe holt mich ein, wir gehen ein Stück gemeinsam bis nach Castro. Dort steht eine wunderbare Jugendherberge, die mit einer reich gefüllten Spirituosenabteilung glänzt. Die Jugend wird hier aber sicher niemals hin finden. Und natürlich wird auch ein Pilgermenü angeboten. Also ganz umsonst eingekauft. Es gibt nur ein Manko: Kein Wlan.
Herberge

Dienstag, 19.Mai 2015.
Von Castro nach Fonsegrada

Die Nacht war ruhig – ich hatte mich angesichts zweier französischer Golden-Ager und Jürgens professioneller Schnarcher-Attitüde für Ohrenstopfen entschieden. Weiß der Teufel warum, aber mit Ohropax träume ich immer die Gesamtausgabe von Blödsinn.

Die Herbergsköchin hatte bereits am Vortag klar gemacht, dass sie keinesfalls vor 8 Uhr auf die Idee kommen würde, ein Frühstück auf den Teller zu bringen. Mir ist es schnuppe, ich gehe einfach los. So angenehm sonnig der vorherige Nachmittag auch war, der Morgen ist äußerst kühl und ungemütlich, zwischendurch tröpfelt es immer wieder. Die Markierungen sind hier und da etwas versteckt, ich muss besonders aufpassen, keinen Pfeil zu verpassen. Zwei Wanderer kommen mir entgegen, weil sie ihre jeweiligen Kumpels verloren hatten.
Es geht nochmal auf 1000 Meter hoch, auf dem Gipfel erreiche ich schließlich die Grenze zu Galicien.

Kurz nach der Regionalgrenze ein allein stehendes Haus, das den Anspruch hat, ein ganzes Dorf zu sein – Acebo nämlich. Natürlich ist es eine Bar, drinnen ein etwas einsilbiger älterer Herr, der sich mit traumwandlerischer Sicherheit inmitten eines verschrobenen Sammelsuriums antiker Weinflaschen, abgelegter Uhren, Real Madrid Postern und Zeitungsausschnitten bewegt.

Es gibt EINEN Tisch, der den Putzlappen wohl ebenso lang nicht gesehen hat wie der Rest dieser Inkarnation schmuddeliger Gemütlichkeit. Kurz: ich nehme einen Kaffee, denn zumindest sein Musikgeschmack ist tadellos. Frank Sinatra sowie spanische und italienische Schlager der 50er Jahre.

Eine Weile bin ich der einzige Gast, dann kommen immer mehr durchgefrorene Pilger dazu. Zeit, wieder den Rucksack zu schultern. Es geht zügig weiter durch die lila blühende Berglandschaft, am Ziel zeigt sich schon das Ziel der Tagesetappen: Fonsegrada. Ich denke kilometerlang darüber nach, noch weiter zuziehen. Nach 20 Kilometer ist man einfach zu früh am Ziel. Es ist ja nicht so, dass in jedem Kaff kulturelle Highlights warten.

Aber es ist so regnerisch. Und die nächste Herberge ist weitere 22 Kilometer entfernt. Vielleicht zu hart. In der Herberge angekommen, liegt dort eine Notiz für mich –  von Jürgen. „Hallo Dirk, ich mache noch eine Etappe, habe das Bett storniert. Buen Camino!“

Mach’s gut Jürgen! Dich hole ich wohl nicht mehr ein.

Die Restgruppe kommt später eingetrudelt, sie gehen essen, aber ich habe noch nicht so recht Hunger. Ich mache mich erst am Abend auf und finde eine Pulperia – Hurra!

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