Reisebericht Camino Frances 2014 – Mein Jakobsweg

Ich bin Dauergast auf dem Camino Frances. Dort hatte ich vor vielen Jahren meine erste Begegnung mit dem Jakobsweg und kehre immer wieder gern zurück. Leider schaffe ich es heute nicht mehr, den ganzen Weg in einem Stück zu gehen, aber für knapp zwei Wochen im Jahr nehme ich meist eine Etappe in Angriff. Hier findest du einen Reisebericht über meine Tour von 2014.

Verlauf und Höhenprofil des Camino Frances

Anreise, 13. Mai 2014
von Hamburg nach St. Jean Pied de Port

Um 4.30 Uhr geht der Wecker. Kurz in die Dusche – Mist, Halsschmerzen. Der Sicherheitscheck am Flughafen ist so überlaufen, dass ich erst kurz vor Abflug am Gate bin. Mit Airfrance geht’s nach Paris Charles de Gaulle. Schon um kurz vor neun sitze ich im Bus nach Orly. Hier geht mein Flieger weiter nach Bayonne.
Kalt ist es in Paris, bis zum Eiffelturm reicht die Sicht jedenfalls nicht.
Reisebericht Jakobsweg: St. jean Pied de Port

Am Flughafen von Bayonne landet mein Flieger auf die Minute pünktlich und ich steige entspannt in den schon aus Deutschland vorbestellten Kleinbus. Dort mache ich schon erste Bekanntschaften mit anderen Pilgern. Kurz vor 17 Uhr komme ich in St. Jean Pied de Port an. Für mich überraschend: es ist total voll. Die erste angesteuerte Herberge hat bereits ein “Full“-Schild.
St. jean Pied de Port
Dennoch: Nummer zwei ist okay und ich sortiere mich erst einmal. Aber schon kommt die zweite Überraschung: die Preise auf französischer Seite sind ganz schön gesalzen. Satte 16 Euro möchte die Dame des Hauses für ein Bett im Schlafsaal. Na ja….
Ich schaue mir erstmal das Städtchen an, natürlich ist es zu 100 Prozent auf Pilger eingestellt, worauf auch sonst in dieser Gegend? Am Abend gibt es ein Essen in der Herberge, recht annehmbar.

Erster Wandertag
St. Jean bis Ronvesvalles, 14.Mai 2014

Okay, in meinem Zimmer hat Darth Vader geschlafen. Jedenfalls hörte sich seine Antischnarch-Maske genau so an. Und zwar nicht nur eine Szene, sondern eine ganze Nacht lang. Kurz wollte ich ihn mit dem Todesstern angreifen, aber: hey, ich bin auf dem Camino, ich bin entspannt.

Der Morgen war umso schöner: nettes Wetter, herrlich satt-grüne Landschaft. Aber die gut 27 Kilometer hatten es in sich. Knallharte 20 Kilometer steil bergauf, ebenso anstrengende 6 Kilometer bergab. Selten habe ich so geschwitzt. Und gleichzeitig gefroren, weil es auf 1400 Metern schon verdammt zugig war. Rolandsbrunnen

Die Tafel im Tal warnte noch mit einem flotten “Danger“-Schild und wies auf die einfache Wegalternative hin. Aber das wäre einfach zu billig gewesen für einen ambitionierten Profi-Pilger wie mich.
Dennoch: um 13.30 war ich schon am Ziel in Roncesvalles. Heißt so viel wie Tal der Schnarcher.

Die Herberge ist direkt neben der Abtei und trotz ihrer Größe picobello sauber. Und nein, es ist nicht das mittelalterliche Ding, das man immer auf Bildern sieht, sondern ein topmodernes Etablissement mit WLan, sonst könnte ich ja nicht schreiben. Inzwischen scheint die Sonne, ich schau mal, wo hier die Discos sind. Kleiner Jokus – hier gibt’s nur marodierende Jugendbanden und drei Restaurants. Mal schauen, wo das Preis-Leistungsverhältnis stimmt.
Übrigens: auf dem Bild sieht man den Rolandsbrunnen. Der alte Roland (ja, der aus Bremen) hatte hier wohl mal Durst auf der Durchreise zu einer seiner Schlachten.

Zweiter Wandertag, 15.Mai 2014
Roncesvalles bis Larrasoana

Kurz noch zu gestern: eine Koreanerin muss jetzt ohne ihr Gepäck auskommen. Sie wollte es von St. Jean aus transportieren lassen. Dummerweise hat sie es vor die Tür des noch geschlossenen Firmenbüros gestellt. Potzblitz: jemand konnte es gebrauchen und hat es mitgenommen. Auf die Frage hin, ob das nicht vielleicht  etwas naiv gewesen sei, meinte sie, in Korea wäre das vollkommen safe gewesen. Muss so eine Art Glücksbärchenland sein.

Wie auch immer: Früh um sechs geht mittelalterliche Fahrstuhlmusik an. Alles aufstehen. Das Wetter ist prima, schon bald wird es angenehm warm. Durch Wälder geht es in Richtung Zubiri, die Pilgermassen zerstreuen sich bald. Ich treffe immer wieder Leute , die auch in St. Jean losgegangen sind. Aber die ersten sind schon weit zurück gefallen. Am Anfang merke ich noch die Nachwehen vom harten Abstieg gestern in meinen Knien,  aber so langsam werden die Gelenke warm.
Ich lasse mir viel Zeit, mache immer wieder Pausen. Die Landschaft ist einfach zu schön, um nur durchzulaufen. Inzwischen läuft auch meine spanische SIM-Karte rund und ich kann vom Handy bloggen.

Blick auf Zubiri

In Zubiri mache ich eine kleine Tortilla-Pause, dann geht’s aber noch ein paar Kilometer weiter bis Larassoana. Ich muss wenigstens an die 30 Kilometer rankommen, damit mein Ziel Burgos noch einigermaßen realistisch bleibt.

Dafür nehme ich auch den „miesesten Ort, an dem man in Navarra schlafen kann“ in Kauf. Der Reiseführer hat wahrlich nicht zu viel versprochen. Abgeranzt trifft es noch nicht ganz. Erst später reime ich mir zusammen, dass es sich aber hier nur um ein Ausweichquartier handelt. Vielleicht hätte es also noch schlimmer kommen können. Aber hey: Die Sonne scheint.

3. Wandertag, 16. Mai 2014
Aufbruch aus Larrasoana

Nach einer unruhigen Nacht mit vielen Profi-Schnarchern geht es früh um 6 los durch die herrlich grüne Landschaft. Eine erste zarte Blase kündigt sich an, aber diesmal halte ich mich an meine eigenen Ratschläge und klebe gleich ein Compeed-Pflaster drauf. Durch kleine Dörfer führt der Camino in Richtung Pamplona. Dabei komme ich auch an einer hübschen Kirche vorbei, St. Esteban.
St. Esteban

Eine Kirche, die sich lohnt

Eine Nonne ohne Tracht, aber im roten Pullover und einem beseelten Lächeln im Gesicht drückt den Besuchern Informationen in die Hand, auch für Koreaner hat sie was. Als ich mich auf die Kirchenbank setze, bekomme ich auch noch ein Gebet. Ich könnte es weglegen, aber ich könnte mich einfach auch mal religiös fühlen. So entscheide ich mich für letzteres und gehe anschließend noch auf den Kirchturm, um die Glocke zu läuten. “Bitte nur einmal“, steht auf einem Schild.

Um kurz nach 11 betrete ich die Stadt, flanieren eine Weile entlang an der imposanten Stadtmauer. Hier habe ich vor elf Jahren meinen ersten Jakobsweg begonnen. Ich erkenne bisher allerdings noch nicht allzuviel wieder. Bleiben will ich hier nicht, denn mir ist nach dem satten Grün einfach nicht nach Betriebsamkeit. Ich will lieber weiter, wenigstens nach Uterga oder besser noch nach Obanos. Ich fühle mich fit genug um heute mal über 30 Kilometer zu gehen.
Ach übrigens: Das Datenvolumen meiner SIM-Karte ist nach den wenigen Tagen schon erschöpft, ich kann also nur bloggen, wenn ich irgendwo ein freies WLAN finde. Zum Glück (?) ist das hier aber kein Problem mehr. Jeder Mülleimer hat inzwischen sein eigenes WiFi.

3. Wandertag, angekommen in Puente la Reina, 16. Mai 2014

Aus Pamplona bin ich ziemlich schnell raus, wie so oft habe ich nach einer ruhigen Wanderschaft nicht das Bedürfnis aus Stadt. Also geht es weiter, ein gutes Stück bergauf, hoch auf den Alto del Perdon. Hier wurde einst ein Pilger vom Teufel versucht. Er sollte doch Bitteschön irgendwas Mieses gegen den alten Jakobus sagen. Hat der brave Pilger aber natürlich nicht. Zum Dank hat Jakobus ihm persönlich Wasser gereicht. So sagt man. Leider weiß ich nicht, was der Teufel ihm angeboten hat. Vielleicht wäre es ein besseres Geschäft gewesen.

Hier oben ist es verdammt windig, der ganze Bergkamm ist übersät mit Windrädern. Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte, kann hier sich in diesem Kurzvideo den Wind um die Nase wehen lassen.


So schleppend es hoch geht, so fix geht es auch wieder herunter. Kurz überlege ich noch, einen kleinen Umweg zu gehen, um der hübschen Templerkirche Eunate noch einen Besuch abzustatten. Doch ich war schon einige Male dort und so lasse ich es bleiben. Gut 35 Kilometer später bin ich im hübschen Puente la reina, wo viele Pilger Station machen. Eigentlich wollte ich gar nicht so weit, doch dann gingen die Füße wie von selbst, die Strecke ist nach dem windigen Berg auch nicht mehr sonderlich anstrengend. Hier in der Stadt vereinen sich die beiden Wege aus Aragon und der aus St. Jean. Nun geht’s gemeinsam in Richtung Westen. Ach übrigens: Der aragonesische Weg ist durchaus eine Recherche wert. Aus den aktuellen Auflagen des Outdoor-Reiseführers vom Conrad-Stein-Verlag ist er mittlerweile verschwunden. Dabei ist er wirklich empfehlenswert und liegt abseits der Pilgerkarawane. Aber das nur am Rande…

Puente la Reina

Am Abend spüre ich meine Waden dann doch. Puh, jetzt noch schnell das örtliche Pilgermenü verknuspern, dann ab in die Heia. Interessanterweise gibt’s hier immer einen Berg Maccaroni als Vorspeise. Da ist man dann schon satt. Ich freue mich heute aber besonders auf die Nachspeise. Achtung, Uwe: es gibt Dosenananas. Den weihe ich dann unserem nächsten Camino