Reisebericht Camino Frances 2014, Teil 3

8. Wandertag,
Santo Domingo bis Tosantos, 21. Mai 2014

In der Riesenherberge schlafe ich eher mau, zumal die Luft mit den 10 Zimmergenossen in der Nacht zum Schneiden wird. Am Morgen schaffe ich es nicht mal, meine Sachen im Zimmer zu packen. Das mache ich lieber auf dem Flur. Aus Santo Domingo geht es recht schnell raus, weiter durch die Weizenfelder.

Das Wetter hält sich noch eine ganze Weile, doch dann regnet es tatsächlich – zum ersten Mal auf meinem Weg. Mit Ausnahme der Amerikanerin erkenne ich unterwegs niemanden. Leider geht es auch eine ganze Weile an der Autobahn entlang, bis der Weg schließlich in Beldorado in ein ganz hübsches Dorf führt. Die Mehrheit der Pilger macht dort Station, zumal sich am Horizont schon wieder neue Regenwolken abzeichnen.

Aber ein Dorf weiter schaffe ich es noch. Hier in Tosantos gibt es eine Pilgerherberge, die sich einer Art Reformbewegung zugehörig fühlt. Keine Massenherbergen, sondern persönliche Atmosphäre ohne jeden Luxus. WIFI? Gibt’s natürlich nicht. Kosten? Zahl doch, was du willst! Betten? Gibt’s hier nicht. Statt dessen feinste Sportmatten, eng an eng in einem Raum.

Freiwillige führen die Herberge. Hippies sind das aber nicht. Sondern arrivierte Katholiken, die die Einfachheit schätzen. Es wird gemeinsam gekocht und gegessen. Doch bis es soweit ist, gehe ich noch kurz zu einer Kirche, die in einen Berg gemeißelt wurde. Rein komme ich aber nicht, die Sache mit dem Schlüssel habe ich nicht richtig verstanden. Nach meiner Rückkehr in die Herberge präsentiert dann doch noch jemand einen Schlüssel und ich gehe nochmal dorthin, diesmal auch rein. Eine der vielen Marienfiguren hat dort ihr Zuhause. Die ist da nämlich mal irgendwie erschienen. Das macht die in Spanien ja häufiger als zum Beispiel in der Max Brauer Allee oder so. Trotzdem darf man nicht fotografieren. Das mag sie wohl nicht.Tosantos

Am Abend gibt’s dann eine derbe Linsensuppe. Die beiden freiwilligen Hospitaleros singen für ihr Leben gern und beschallen den ganzen Abend die Gäste. Wahrscheinlich haben sie deswegen den Job übernommen. Der ein oder andere rollt schon etwas mit den Augen, aber das Programm setzt sich noch mit einer Andacht im unglaublich schiefen obersten Stockwerk fort. Dort warnt der Chef-Hospitalero nochmal vor der immer weiter fortschreitende Kommerzialisierung des Camino. Die wird er aber wohl auch nicht aufhalten können.

9. Wandertag,
Tosantos bis Ages, 22. Mai 2014

Am frühen Morgen laufe ich in Tosantos los, es regnet von Beginn an und stürmt unaufhörlich. Es sind nicht mal mehr zehn Grad, das Wetter ist komplett gekippt. Ich traue mich nicht, mein Telefon zur Hand zu nehmen, denn es ist kommt richtig fett von oben runter. Deswegen gibt es auch keine Fotos. Dennoch gibt’s zwischendurch die tollsten Regenbögen, die ich je gesehen habe. Wenigstens habe ich mit der Videokamera gefilmt, da stelle ich die Bilder dann mal von zuhause rein.

Platz für eine kleine Pause

Ich laufe schnell, so als könnte ich damit dem Regen entgehen. Wird aber nichts, am Ende bin ich ziemlich durchtränkt. Deswegen stoppe ich auch schon nach 25 Kilometern und entscheide mich für eine nette Herberge in Ages. Den Abend verbringe ich mit einem russischen Texaner und einem dänischen Kanadier beim Pilgermenü.
Morgen ist der letzte Tag, ich fühle mich jetzt schon etwas wehmütig. In Burgos will ich mir Zeit für die vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt nehmen und ein Bad nehmen – denn da habe ich ausnahmsweise ein Hotelzimmer gebucht.

Letzter Wandertag,
Ankunft in Burgos, 23. Mai 2014

Gegen Mittag bin ich heute in Burgos angekommen, dem Endpunkt meines diesjährigen Caminos. Rund 300 Kilometer liegen damit hinter mir.

Der letzte Morgen begann wie der vergangene Tag aufgehört hat, mit Regen und starkem Wind.
Ein letzter Aufstieg führte mich noch hoch zum Kreuz von Atapuerca, dem Ort, an dem die Höhlen liegen, wo die Überreste der ältesten Europäer gefunden wurden. Doch kaum ein Pilger hatte dafür heute einen Blick übrig, mit starrem Blick ging’s nur nach vorn, immer weiter in Richtung Burgos, das schnell am Horizont sichtbar wurde.

Atapuerca

Atapuerca

Ganz unromantisch verabschiedete sich der Weg mit einer Etappe durch ein wenig einladendes Industriegebiet. Mit den Resten meines Ipod-Akkus gab’s zumindest akustisch noch ein Gegenprogramm, aber viel konnte das auch nicht mehr ausrichten. Viele scheinen daher auch Burgos nur zu durchqueren, obwohl die Stadt ja zumindest kunsthistorisch einiges zu bieten hat. Und glücklicherweise wird das Wetter wieder schlagartig besser.

Ich lade meine Sachen im Hotel ab, im Almirante Bonifaz. Allzuviel ist dort nicht los, die Konkurrenz ist aber auch groß. Ich nehme ein Bad und rasiere mir den Camino-Bart. Dann ziehe ich zur beeindruckenden Kathedrale, die Stadt ist zu dieser Zeit noch wie leergefegt. Siesta eben. Nicht mal die Shops mit dem üblichen Touri-Kitsch haben geöffnet.

Fast zwei Stunden bleibe ich in der Kirche, bis es mir nach der x-ten Kapelle irgendwann reicht. Essen werde ich heute wahrscheinlich allein, ich scheine jetzt alle Mitwanderer verloren zu haben. Ein paar Österreicher sehe ich noch kurz, ich verabschiede mich und wünsche noch einen Buen Camino.

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Es ist ein Halt auf halber Strecke, so ein richtiges Ende ist es eben nicht, wenn man irgendwo in der Mitte aufhört. Ein paar ganz persönliche Erkenntnisse nehme ich wie immer mit. Und vor allem: es hat wieder unglaublich viel Spaß gemacht, es war trotz aller Anstrengungen unglaublich erholsam. Und wenn nichts dazwischen kommt, meine großartige kleine Familie auch weiter so viel Verständnis für meine Ego-Trips zeigt,  dann werde ich bestimmt bald wieder mit der Planung für das nächste Mal beginnen.

Vielleicht ab Burgos? Vielleicht den Camino Portugues? Einer meiner Mitpilger aus dem letzten Jahr ist dort gerade unterwegs. Mal sehen, was er von dort berichtet. So oder so lohnt sich der Weg immer. Und das ist wohl die Erkenntnis, die jeder hier hat.
Trotz aller Kommerzialisierung, trotz allem Bohei und all den zu viel geschriebenen  Büchern, trotz Promipilgern, den verkitscht-verklärten Filmen und trotz den aufdringlichen Diavorträgen und den vielen Blogs :). Der Camino bleibt etwas ganz besonderes.

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