Mein Jakobsweg 2019: Unterwegs auf dem Camino del Norte

Der Camino del Norte, auch bekannt als Camino de la costa oder Küstenweg ist für viele Pilger eine willkommene Alternative zum stark überlaufenen Camino Frances.

Der Weg führt ab Irun rund 800 Kilometer nach Santiago de Compostela und durchzieht dabei das malerische Baskenland, Kantabrien, Asturien und Galizien. Große Strecken führen direkt an der oft spektakulären Steilküste entlang, auf dem Weg liegen so schöne Städt wie San Sebastian (Donostia) oder Bilbao. Im Mai und Juni 2017 war ich auf diesem Pilgerweg unterwegs. Den vollständigen Bericht findest du in den folgenden Abschnitten. Viel Spaß beim Lesen!

Freitag, 17. Mai 2019
Auf dem Weg nach Oviedo

Ich komme beim Zählen immer durcheinander, aber es muss sich wohl um meinen 15. Jakobsweg handeln. Wie immer habe ich lange nachgegrübelt, welchen Abschnitt ich mir diesmal vornehme. Den Camino del Norte noch abschließen oder vielleicht nochmal den Primitivo wagen? Aber am Ende habe ich mich dann doch entschlossen, nach 2017 und 2018 nun auch dieses Jahr den Nordweg zu machen.
Im letzten Jahr hat es mich bis nach Luarca verschlagen, von dort soll es eigentlich auch weiter gehen. Doch für 10 Pilgertage plus die zwei Tage für An- und Abreise ist die Strecke eine Spur zu kurz, ich werde wohl ein wenig vorher anfangen. Mir fehlte allerdings ein wenig die Zeit, einen exakten Plan vor der großen Fahrt zu machen. Das ist ja das Schöne am Camino – eigentlich muss man nichts planen.

Zunächst aber mal heißt es, die Anreise in Angriff zu nehmen. Ich hatte mich nach langer Zeit mal wieder für Ryanar entschieden, für 68 Euro nach Madrid. Denn nach Oviedo, den für mich viel besser geeigneten Flughafen, gab es für mich von Hamburg aus kaum eine gute Option.
Schon verrückt, dass das Taxi zum Flughafen schon die Hälfte vom Flugpreis kostet. Aber das ist wenigstens pünktlich, während der Flieger von Ryanair eine halbe Stunde später als geplant abhebt. Immerhin sitzt schräg hinter mir ein Typ mit Hells Angels Tattoo im Gesicht, was mir gleich ein wohliges Gefühl von Sicherheit gibt. 

Nach 2.45 Stunden schlägt der Flieger um exakt 14 Uhr in Madrid auf, die halbe Stunde Verspätung setzt mich unter Druck. Ich habe noch 20 Minuten, bis der Bus fährt. Also starre ich das Gepäckband an, bis es sich ächzend in Bewegung setzt und meinen bewährten Gregory-Rucksack auch gleich als Erstes ausspuckt. Man kann auch mal Glück haben. Ich laufe zum Transitbus, der mich schließlich zum Terminal 4 bringt, wo die spanische Busline ALSA (top!) ihre Karren parkt. Auf die Minute komme ich an, der Fahrer brummelt noch was, schmeißt meinen Rucksack zu den anderen und schon gehts los. Sechs Stunden Bus warten auf mich. Schön ist was anderes, auch wenn ALSA für jeden ein Tablet am Platz bereit hält, mit freiem WLAN und kostenlosem Wasser. Ich kann nur sagen: ich mag die.

Der Bus fährt pünktlich iin Oviedo ein, ich leiste mir Luxus-Pilger mäßig auch noch ein Taxi zum Hotel. Schnell Sachen abladen und rüber ins mexikanische Restaurant. Der Burrito hätte vermutlich auch für eine ganze Woche gereicht, aber es gab ja auch seit dem Frühstück nichts. Um 11 Uhr bin ich bereit für die Heia, morgen gehts wieder früh hoch.

Samstag, 18. Mai 2019, von Aviles nach Muros de Nalon

Okay, schlafen war so ging so. Gegen 6 bimmelt der Wecker und ich quäle mich hoch. Sachen packen, raus auf die Straße, rein in den Regen. Ich mache mich auf zum Bahnhof von Oviedo, wo sich die Jugendbewegung des gestrigen Abends noch ziemlich randvoll in die Züge nach Hause drängelt. Ich bin gut 40 Minuten unterwegs bis nach Aviles, wo ich nun endlich loslaufen kann. Nach einigen Minuten klart der Himmel auf, aber ich habe mich zu früh gefreut, es regnet sich schon bald wieder ein, aber so richtig. Die Wege sind komplett matschig, bloß nicht ausrutschen. Merkwürdigeweise kommt mir die Strecke komplett unbekannt vor, ich frage mich, warum. Ich grabe kurz in meinem Gedächtnis nach – wahrscheinlich bin ich im letzten Jahr auf die Strecke an der Küste gewechselt, aber bei dem Wetter heute macht das nicht viel Sinn. Allzu weit will ich ja heute auch gar nicht, ich möchte in Muros de Nalon in die schöne Herberge, bei der ich im letzten Jahr weiterziehen musste, weil mein Etappenplan zu straff war.
Unterwegs treffe ich relativ wenige andere Pilger, erstaunlich eigentlich, denn es ist ja schon Mitte Mai und da zieht es normalerweie schon kräftig an. Mir soll es recht sein. Ich komme langsam in meinen Laufrhythmus, trotz Regen kann ich die Landschaft genießen. Wenn es nass ist, kommen die tausend Variationen von Grün, die Asturien zu bieten hat, irgendwie noch besser zur Geltung. Und dann: ach ja, dieses Haus, dieser Aufstieg, die Straße mit dem Bogen – jetzt erkenne ich doch so einiges wieder. Ich komme schnell voran, vielleicht laufe ich auch nur extra schnell, weil das Wasser von oben mich voran treibt. Den Mini-Anstieg nach El Castillo spurte ich geradezu hoch. Schade nur, dass die Aussicht so wolkenverhangen ist.

So langsam bekomme ich Hunger, das Frühstück hatte ich mir ja gespart. Gegen 13 Uhr bin ich schon kurz vorm Ziel, da mache ich doch erstmal Halt in Soto de Barco. Eine Stulle auf die Hand, zwei dicke Cafe con Leche, der Regen lässt sich davon allerdings nicht beeindrucken und macht einfach weiter, legt sogar noch ne Schippe drauf. Gut, dass ich meine Wanderschuhe zuhause nochmal richtig eingesprüht habe, sie bleiben trocken. Auch meine neuen Wandersocken möchte ich lobend erwähnen: zum ersten Mal habe ich welche mit Kompression, die ich mir bis zu den Knien hochziehen kann. Ich bilde mir ein, die sind irgendwie gut und machen einen schnellen Fuß. Eine halbe Stunde später bin ich schon bei meiner Herberge, der Hospitalero hockt noch vor der Glotze. Ich hatte extra am Morgen angerufen und reserviert, wäre aber nicht nötig gewesen, denn ich bin der einzige Gast. Das wird auch nicht mehr, nur eine einzge weiterere Pilgerin kommt noch hinzu. Die Herberge ist schön und geich am Ortseingang, Zu Hause werde ich den Namen noch nachtragen. Inzwischen hat das Städtchen hier sogar drei Herbergen.

Der Hospitalero macht Abendessen, nur für mich. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, aber was solls. Hunger.
Morgen will ich den Zug nehmen und ein kleines Stück fahren, damit ich am Tag die Strecke bis Luarca schaffe, dort, wo ich im letzten Jahr aufgehört habe

Sonntag, 19. Mai 2019, von Muros de Nalon nach Luarca


Ich schlafe gut- liegt wahrscheinlich daran, dass wir in der Herberge nur zu zweit sind. Gegen 7 Uhr geht es los, ich laufeetwa 20 Minuten bis zum Bahnhof von Muros de Nalon. Dort ist genau niemand, nur ein paar Automaten warten geduldig auf Kundschaft. Gar nicht so einfach, da durchzusteigen, zumal ich null Spanisch kann und der Automat nach Auswahl der englischen Sprachspur nur jedes dritte Wort übersetzt. Mein Ziel ist nicht zu finden, ich kaufe ein Ticket für die halbe Strecke. Zehn Minuten später kaufe ich noch ein zweites, denn mit etwas Fleißarbeit ist dem Ding dann doch noch zu entlocken, wie ich ans korrekte Ticket komme. Da kommt auch schon der Zug angekrochen. Echt doof, dass ich so erst ziemlich spät loslaufen kann. Viertel nach neun bin ich in Soto de Luina, von dort gehts los. Ganz verheißungsvolll sogar, denn die Sonne steht wie ne Eins am Himmel und treibt mich an. Klappt ganz gut. Nach Soto gehts dann auch ziemlich schnell ans Eingemachte. Immer schön hoch und wieder runter, um dann gleich wieder hoch und dann wieder runter zu latschen. Zwischendrin sehe ich immer mal wieder die Küste, einfach toll! Bisweilen ist der Pfad ganz schmal, vom Regen am Vortag haben sich vielerorts dicke Schlammpfützen gebildet.
Auf Kaffee muss ich heute lange warten, die Goya Bar kurz vor Cadavedo hat dann erst gegen Mittag alle für mich bereit. Ich komme sehr langsam voran, das Auf- und Ab schluckt Zeit und ich bin vor allem beim Auf nicht gerade der Klassenbeste. Trotzdem hole ich den ein oder anderen Pilger ein, es sind mehrere Gruppen unterwegs, vor allem Spanier.

Kurz nach Cadaveo ist es schon halb drei, ich habe aber noch 15 Kilometer auf der Uhr. Eine Herberge mit zanzig anderen Pilgern im Schlafsaal ist hetute nichts für mich, also buche ich über Booking schnell ein Hotel. Auf die Dusche freue ich ich wie ein Schnitzel. Um 19 Uhr erst sehe ich die Häuser von Luarca, das Hotel Vilar de Luarca ist wunderschön, ein Gebäude aus der vorletzten Jahrhundertwende, toll eingerichtet. Wenn ich mich jetzt aufs Sofa lege, bin ich sofort eingeschlafen, also mache ich noch einen kleinen Spaziergang durch Luarca und esse ein sehr schlechtes Pilgermenü. Ich bin platt – ab zu Bette.

Montag, 21. Mai 2019
Die Ruhe im Hotel tut gut, ab und an ist das mal ganz schön. Ich mache mich auf den Weg, trinke in einer total schönen Bar noch einen Cafe con Leche. Dann raus aus de Stadt, es geht natürlich sofort bergan. Vorbei an einer Kirche gibt es nochmal einen fantastischen Ausblick auf Luarca, die Sonne kommt raus und ich fange prompt an zu schwitzen. Allzu viele Dörfer gibt es nicht, die Strecke ist voller kleiner Bauernhöfe und es ist erstaunlich flach heute. Erst nach gut 10 Kilometern kommt ein Restaurant, in dem ich kurz raste und meinen Wasservorrat wieder auffülle. Dort komme ich mit ein paar anderen Pilgern ins Gespräch, natürlich Deutsche. Sonst bin ich beim Laufen meist allein, kein Vergleich zum geschäftigen Camino Frances. Ich mag das, man muss nicht die ganze Zeit erklären, wer man ist und wo man hin will. Der Kopf ist total leer gestreamt, nach ein paar Kilometern läuft man wie eine geölte Maschine. Dann gehts aber doch wieder dann und wann über Pfade, auf denen man sich sehr konzentrieren muss, keinen falschen Schritt zu tun. Wasser läuft herunter, es ist rutschig. Es macht schon Sinn, hier mit richtigen Wanderschuhen zu laufen, auch wenn es manchmal ziemlich heiß darin wird. Ich bin spät am Ziel, habe wahrscheinlich ziemlich gebummelt. Ich nehme in La Caridad die private Herberge La Xana, ein gemütlicher kleiner Schuppen, recht neu und mit nettem Innenhof. Caridad ist ein kleiner Ort, die Hospitalera schickt alle zu ihrem Cousin ins Lokal ein paar Schritte weiter. Gemeinsam mit zwei anderen Pilgern bin ich der Erste, der dort um 19.30 an der Tür kratzt. Es gibt ein Standard-Pilgermenü: erster Gang Spaghetti mit Thunfischsoße, dann die üblichen Pommes, hier mal mit Merluza (Seehecht oder so). Mit einem Flan zum Nachtisch und einer Flasche Wein ist man bei 9 Euro, ein äußert faires Angebot und ich bin pappsatt. Kurz vor halb zehn gehen wir zurück, die Hütte ist ziemlich voll. Kurz nach der offiziellen Schließzeit schnarcht es auch schon aus vielen Betten.