Der Camino del Norte (Camino de la Costa): unterwegs auf dem Küstenweg – Teil 3

In der Metro von Bilbao

In der Metro von Bilbao

Mittwoch 31. Mai 2017
Von Bilbao nach Castro Urdiales

Bis halb acht schnarcht der halbe Schlafsaal. Das ist für Herbergsverhältnisse ungewöhnlich lang. Ich lese noch ein wenig in meinem Reiseführer, bis ich mich entscheide: ich nehme heute für die ersten zehn Kilometer die Bahn. Denn der Weg führt durch ziemlich hässliche Industriegebiete, das klingt alles andere als nach dem Camino, den ich mir vorstelle. Stefaan hat eh vor, noch einen Tag in Bilbao zu verbringen, unsere Wege trennen sich hier also schon wieder. Ich brauche etwa eine Viertelstunde bis zur Metro, zunächst über die unzähligen Treppen von gestern Abend wieder ab nach unten. Die Sonne knallt schon wieder vom Himmel.
Ich schaffe es auf Anhieb, mir auch ohne Spanisch-Kenntnisse das richtige Ticket zu kaufen und dann auch noch den korrekten Zug in Richtung Arreta zu nehmen. Keine 15 Minuten später bin ich da, steige aus und wandere zur berühmten Hängebrücke von Getxo.

Die Hängebrücke von Getxo

Die Hängebrücke von Getxo


Kein schöner Weg raus aus Bilbao

Kein schöner Weg raus aus Bilbao

Hier wird man gegen einen Kleckerbetrag auf die andere Seite des Flusses gegondelt. Dort angekommen, bringen mich gelbe Pfeile schnell wieder auf den richtigen Weg. Von den Menschen, die mich in den letzten Tagen begleitet haben, werde ich niemanden mehr sehen. Die zehn Kilometer katapultieren mich in einen anderen Rhythmus, viele neue Gesichter begegnen mir. Es sind auch mehr, was mich schließen lässt, dass viele den Weg wohl erst in Bilbao beginnen, weil es verkehrsgünstiger liegt und die anstrengendsten Etappen nun zu Ende gegangen sind. So ganz habe ich Industrie und Autobahnen nicht umfahren können. Es geht über eine ewig lange Fußgängerbrücke immer weiter raus aus der städtischen Besiedelung, aber auch danach gibt es vorrangig Asphalt zu sehen.

Noch nicht am Ziel, trotzdem wunderschön

Noch nicht am Ziel, trotzdem wunderschön

Das ist nicht wirklich schön. Endlich wird es wieder grüner, ich komme nur ab und an durch kleinere Ansiedelungen. Doch es dauert bis zum Nachmittag, bis ich zwischen den Bäumen irgendwann wieder das Meer entdecken kann, das

Auf dem Weg nach Castro Urdiales

Auf dem Weg nach Castro Urdiales

mir in den letzten zwei Tagen verborgen geblieben war. Der Weg wird schließlich wieder zu einem Küstenweg, eine erfrischende Brise weht mir um die Nase. Es geht kaum noch bergauf, und wenn, dann ist das ein Klacks. Wie angenehm! Irgendwann kommt ein Dorf mit hübschem Strand und ich wähne mich schon am Ziel. Doch ich liege falsch, ich bin noch fast sechs Kilometer davon entfernt. Ich möchte heute bis Castro Urdiales. Da es dort nur eine kleine Herberge gibt, die obendrein kaum attraktiv klingt, linse ich mal bei Booking.com rein und finde einen Super-Schnapper für knapp 30 Euro. Gebucht. Vorher aber muss ich noch ein paar Kilometer schaffen, und leider sind es zunächst nicht die schönsten. Die versprochene Küstenroute ist aber erstmal enttäuschend, ich muss wieder ewig an angeblich kaum befahrenen Straßen entlang. Dann aber wird es endlich wieder richtig klasse. Ich lande an einem herrlichen Stück Steilküste und schließlich in der schnuckeligen Stadt Castro Urdiales. Die Pension liegt nah am Zentrum und entpuppt sich auch beim zweiten Blick als top. Nach einer ausgiebigen Dusche wandere ich noch ein wenig in der Stadt herum, es lohnt sich wirklich. Und mit Meerblick schmeckt das Essen gleich nochmal besser.

Ein Blick auf Castro Urdiales

Ein Blick auf Castro Urdiales



Booking.com

Donnerstag, 1. juni 2017
Von Castro Urdiales nach Laredo


Achtung: Gelber Pfeil

Achtung: Gelber Pfeil

So eine Nacht ohne Schnarcher sorgt für einen ruhigen Schlaf. Erst gegen halb acht wache ich auf. Ich brauche eine Ewigkeit, um meine Sachen zu packen, dann geht es endlich los. Ich gehe zur Kirche, von dort finde ich schnell einen Pfeil, der mir die Richtung vorgibt. Eine Viertelstunde, dann bin ich raus aus der Stadt und auf der Nationalstraße. Irgendwo muss ich wohl einen Pfeil verpassen, jedenfalls sinkt die Wegmarkierungs-Dichte auf Null. Ich laufe dennoch an der Nationalstraße weiter, da die Küste auf meiner rechten Seite ist, kann ich so falsch nicht sein. Tatsächlich bin ich bald wieder auf der richtigen Spur. Es geht noch eine Weile an der Autobahn entlang, dann dreht der Jakobsweg endlich ab in Richtung Küste. Jetzt merke ich, dass das gestern erreichte Kantabrien landschaftlich deutlich anders aussieht als das Baskenland. Die Berge sind karstiger, nicht so durchgehend grün wie noch zuvor.
Eine Weile geht es dann an der Küste entlang, doch die Nationalstraße kommt immer wieder ins Spiel. Heute werde ich knapp über dreißig Kilometer gehen, der Reiseführer spricht von einer Abkürzung, wenn man die Straße aushält. Ich gehe lieber den längeren Weg. Es geht wieder bergauf, sollte das nicht eigentlich vorbei sein? Der Reiseführer ist an einer Stelle etwas unsauber, eine beschriebene Brücke ist nicht wie versprochen am Ort und ich bin kurz darauf wieder ohne Pfeile unterwegs. Ich befrage einen vorbeifahrenden Fahrradfahrer, der murmelt was von Kreisverkehr und dann rechts. Mache ich glatt, denn er sieht aus, als würde er hier wohnen. Das Vertrauen wird belohnt, ich finde wieder wenige aber halbwegs deutliche Pfeile. In Liendo mache ich eine längere Pause, als ich wieder aufbreche, ist es schon fast vier Uhr. Bis Laredo sind es noch gut acht Kilometer, dazu nochmal bergauf. Es könnte eng werden mit der Herberge. Also buche ich nochmal ein billiges Zimmer.
An der Ruine einer Eremitenkirche wird es wieder unklar mit Pfeilen und Reiseführer und ehe ich groß darüber nachdenken kann, bin ich auch schon unterwegs (im Streetview-Bild unten habe ich mich für den Weg mit den beiden Straßenschildern mit der „10“ und der „20“ entschieden).
Der Pfad führt mich einen Berg hoch, plötzlich wird es extrem neblig. Dazu kommt eine sehr verwegene Pfeilmarkierung. Ich muss sehr suchen, doch besonders verwirrend sind die Pfeile, die in die andere Richtung zeigen. Ich höre das Meer rauschen, aber sehen kann ich es nicht, so stark ist der Nebel. Irgendwann aber kommt eine Asphaltstraße, die direkt nach Laredo führt. Bis ich ankomme, dauert es noch eine ganze Weile, und mein gebuchtes Hotelzimmer entpuppt sich als Fehlentscheidung: zu weit vom Zentrum und dazu noch ein paar deutliche Höhenmeter entfernt, „El Carro“ ist für Pilger ungeeignet. Erst um halb sieben bin ich hier, ein Abstieg zum Abendessen lohnt nicht.

Freitag, 2. Juni 2017
Von Laredo nach Güemes

Es geht um acht Uhr los aus meiner Trucker Herberge. Das Etablissement ist noch zu, keine Chance auf einen Kaffee. Ich muss den ganzen Weg von gestern hierher nun wieder zurück. Es geht ganz durch die Stadt bis zum Strand. Ein wahnsinnig großer, weitläufiger Sandstrand, kaum Menschen zu sehen. Kilometerweit gehe ich dort entlang. Ich muss zu einer Fähre, um eine Bucht zu überbrücken, aber ich habe keine Ahnung, wo die wohl sein könnte. Schließlich finde ich ein kleines Boot, das nur auf mich gewartet hat. Laute 70er Jahre Disco-Musik hat mich angelockt. Die Zwei-Mann-Besatzung nimmt mich auf und fährt sofort los nach Santona. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten. Auf der anderen Seite in Santona, hier bekomme ich endlich einen Kaffee und etwas Toast.
Es beginnt leicht zu nieseln, gerade so viel, dass es sich nicht lohnt, die Jacke auszupacken. Zunächst folge ich noch den Pfeilen, dann verlieren sie sich irgendwo. Doc es geht schon nach wenigen Kilometern wieder zum Strand, da ist es nicht so schwer, einen Weg zu finden.
Schließlich geht es ansatzlos einen Berg hoch, mit fantastischer Aussicht auf den bereits abgelatschten Weg. In der Ferne sehe ich Noja, ich erreiche die Stadt direkt über den Strand.
Ab dort empfiehlt mir der Reiseführer eine schönere Route, ich lasse mich darauf ein. Doch Pfeile gibt es dort gar nicht, ich muss mich auf die Beschreibung verlassen. Sie ist aber sehr genau, es ist kein Problem, den Weg zu finden.
Plötzlich habe ich allerdings zwei nicht allzu nette Hunde an den Hacken, sie kläffen sich ziemlich nahe an meine Waden. Ich gehe einfach weiter, aber sie folgen mir. Irgendwann wird es ihnen zu langweilig, sie machen kehrt.
Glück gehabt. Beim nächsten Dorf kommen die Pfeile wieder und führen mich gleich auf einen fiesen Umweg, was ich allerdings zu spät merke. Hier hat wohl ein Herbergsbetreiber auf eine Verlegung des Weges gedrängt. Das kostet mich bestimmt 45 Minuten. Dumm, denn der Regen wird mehr. Ich will nach Güemes, wo eine ganz besondere Herberge liegt, die „Albergue de Abuelo Peuto“. Etwa vier Kilometer vorher hält ein VW-Bus und der Fahrer fragt mich, ob ich zur Herberge will. Es ist Ernesto, der Herbergsvater selbst. Aber er will mich nicht etwa abholen, sondern wahrscheinlich nur einkaufen. Mit einem freundlichen Hinweis, wo ich weiterlaufen muss, fährt er weiter. Jetzt beginnt es so richtig zu regnen, aber ich bin bald da. Ich werde freundlich von freiwilligen Helfern der Herberge empfangen. Am Abend gibt es eine Info-Veranstaltung über die Hintergründe diese großen Herberge, in der heute bestimmt 60 Pilger zu Gast sind. Am Abend gibt es Essen für alle, das Ganze läuft auf Spendenbasis.Gegen 22 Uhr ist Zapfenstreich.

Samstag, 3. Juni 2017
Von Güemes nach Santander

Mein letzter Tag auf dem Camino del Norte: gegen 7 geht es raus aus dem Schlafsack, im Zimmer riecht es ein wenig nach totem Fuß, also schnell raus hier. In Ernestos Herberge gibt es noch Frühstück, dann geht es los auf die letzten Kilometer. Nach einem kurzen Weg durchs Dorf und über die Nationalstraße kündigt sich am Horizont wieder das Meer an. Nur leider nieselt es schon wieder. Noch ein Weg bergauf, schon stehe ich ganz plötzlich an der Steilküste. Die Wellen geben heute ihr bestes und unten am Strand sieht man eine große Meute von Surfern, die sich am Rand in langen Reihen mit ihren Bussen platziert haben. Die Strecke ist leicht, es gibt hier keine wirklichen Steigungen mehr. In der Stadt Soma soll ich auf die Fähre, allerdings muss ich die erstmal finden. Die Pfeile sind mal wieder aus gegangen. Aber viele freundliche Spanier weisen mir den Weg. Noch eine Kaffeepause, dann bin ich am Anleger. Eine halbe Stunde muss ich auf die Ankunft des Schiffes warten, dann kommt der Kahn und die ganze Überfahrt dauert kaum zwanzig Minuten.
Die Ankunft in Santander fällt mit einem kräftigen Schauer zusammen, dann regnet es sich richtig ein. Ich gehe zu meinem Hotel. Als sich das Wetter wieder beruhigt, besuche ich zum Abschluss meiner Pilgertour 2017 die Kathedrale und schaue mich ein wenig in der Stadt um. Einige Pinchos später laufe ich noch am Hafen entlang, denn dort ist so eine Art „Kieler Woche“. Mit einem Kilo Käse für den Koffer kehre ich am Abend zurück und packe meine Sachen für den Rucksack. Verdammt: auf den letzten Metern habe ich meinen Pilgerpass verloren. Egal. Für den zweiten Teil hole ich einfach einen neuen……im nächsten Jahr.



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