Der Camino del Norte (Camino de la Costa): unterwegs auf dem Küstenweg – Teil 3

Sonntag, 28. Mai 2017
Von Deba nach Markina


Hinter Deba: nahe dem Dorf Mutriku

Hinter Deba: nahe dem Dorf Mutriku

Immer wieder wache ich auf, weil jemand im Schlaf spricht. Nicht nur einzelne Sätze, sondern ganze Kurzgeschichten.

Steinige Wege auf dem Camino del Norte

Steinige Wege auf dem Camino del Norte

Da mein Spanisch nicht vorhanden ist, lohnt sich das zuhören nicht sonderlich, aber es reicht, um mich wach zu halten. Manchmal lacht er auch irre. Vielleicht nimmt er gleich Geiseln? Gegen fünf hat er sein Pulver verschossen, es gibt keine Fortsetzung mehr. Kurz vor sechs stehe ich also auf, packe meine Siebensachen. Warum zum Teufel ist eigentlich das, was man sucht, immer gerade in der Ecke des Rucksacks, an der man zuletzt schaut? Gegenüber an der Straße gibt es noch einen Cafe con Leche und nach der Erfahrung von gestern auch ein verdammt großes und ebenso süßes Croissant.

Diese Garage entstand vor Jahrhunderten

Diese Garage entstand vor Jahrhunderten

Die Sonne ist aufgegangen, es geht los. Mich schaudert es schon, wenn der Reiseführer mit Sätzen wie „Zunächst geht es 1,9 Kilometer steil bergauf“ beginnt. Aber so schlimm ist es diesmal nicht.

Es ist bewölkt, da bleiben schon mal 2 von den 8 Litern Schweiß drinnen. Okay, ich gebe es zu, ich habe mir Blasen gelaufen. Die Schuhe sind nicht optimal. Zu doof, das Adidas meine Favoriten nicht mehr bauen wollte. Die waren soooo toll. Fast nie hatte ich darin Blasen.
Wie auch immer, es geht durch Wälder, Farne und Wiesen bergauf, aber recht langgezogen.

Hier ein Cafe, das wär's

Hier ein Cafe, das wär’s

Grandiose Aussicht auf dem Küstenweg

Die Wolken hängen tief, der Blick auf die weiten grünen Täler ist einfach grandios. Und die Asphalt-Strecken nehme ich kaum wahr, weil selbst die meist durchs Grün oder kleine Dörfer führen. Gelegentlich fällt mir eine Ruine am Wegesrand auf. Hier müsste man einfach eine Herberge und ein kleines Cafe eröffnen. Im Gegensatz zum Camino Frances wäre das hier wohl wirtschaftlich auch noch umsetzbar, es gibt kaum Konkurrenz. Ein wenig mehr Infrastruktur wäre gut, auch einige Herbergen mehr könnte der Weg vertragen. Das Netz ist zu dünn, als dass man sich spontan zum einen oder anderen Kilometer entschließen könnte.

Gelegentlich sieht es heute nach Regen aus, aber er ziert sich und bleibt, wo er ist. Unterwegs gibt es heute kaum erwähnenswerte Siedlungen, gegen drei Uhr laufe ich in Markina ein, das waren dann schlappe 25 Kilometer. Irgendwann muss sich doch mal die Gelegenheit für etwas mehr ergeben. Auf dem Weg in die Stadt komme ich an einer ungewöhnlichen Kirche vorbei. Außen unscheinbar, beherbergt sie drinnen einen megalithischen Altar, der wahrlich nicht von schlechten Eltern ist. Darauf eine Heiligenfigur. Der Erzengel Michael, wie ich gerade mal schnell gegoogelt habe. Angeblich mussten hier die Männer, die demnächst heiraten wollten, hier dreimal durchkriechen. Jedenfalls: sieht beeindruckend aus.

Ungewöhnliche Kirche in Markina

Ungewöhnliche Kirche in Markina

Ab zur Herberge

Ich lande am Stadtplatz, wie gewöhnlich treffen sich hier die Eingeborenen, wahrscheinlich auch, um schlecht riechende Pilger in Augenschein zu nehmen. Ich genehmige mir einen kleinen Snack und rufe dann die Hospitalera der vom Reiseführer favorisierten Herberge „Albergue Intxauspe“ an. Es gibt einen Abholservice. Nicht schlecht bei 9 Euro Übernachtungskosten. Die Lage ist ein Traum, geschlafen wird im Dachstuhl eines alten Hauses. Eine eindeutige Empfehlung, vor allem, weil man hier so nett ist. Wenn das Wetter nur ein wenig besser wäre! Dann könnte man sich auch im schönen Garten noch eine Weile hinlegen. Am Abend gibt es ein durchschnittliches, aber liebevoll zubereitetes Essen. Auch Stefaan ist inzwischen angekommen und nimmt sich ein Einzelzimmer.
Wir essen zusammen und starren später noch eine Weile mit Sorgenfalten auf die Wetter-App: Morgen Regen.

Amamanekua
Adresse: Ubilla-Urberuaga, 21
Telefon: 630 805 011
Mail: analejardi@hotmail.com
Intxauspe
Adresse: Atxondoa 10
Telefon: 652 770 889

Satzu Landetxea

Adresse: Ubilla-Urberuaga, 37-EZK
Telefon: 946 169 702
Mail: satzu.landetxea@gmail.com

Montag, 29. Mai 2017
Von Markina nach Guernica


Raus aus der Stadt, rein in die Natur

Raus aus der Stadt, rein in die Natur

Die Wetter-App hat nicht zu viel versprochen: Pünktlich zum Aufstehen ist der große Regen da. Es prasselt herunter und ist deutlich abgekühlt. Ich ziehe das Frühstück in die Länge, in der Hoffnung, es werde sich sicher wieder beruhigen. Ist natürlich nicht so. Es hilft nichts, ich ziehe meine Regenklamotten über und lege die Gamaschen an.

Trübe Aussichten am Morgen

Trübe Aussichten am Morgen

Der Weg aus der Stadt ist etwas schlecht ausgeschildert, ich folge vorsichtshalber den selbstbewusst voranschreitenden Franzosen und bin beruhigt, als der erste Pfeil auftaucht.

Da kommt auch schon der erste Anstieg. So langsam gewöhne ich mich an den Bergauf-Modus, ich komme schneller voran als noch in den letzten Tagen. Die noch bessere Erkenntnis aber: die Wolken verziehen sich, es wird heller und der Regen stoppt. So wird die Strecke zusehends genießbarer. Und das ist gut, denn die Etappe ist sehr hübsch, führt über weite Strecken durch den Wald. Ein kleines Highlight nach rund 7 Kilometern: ein Kloster, in dem man wohl auch übernachten kann.

Ein schönes Kloster auf dem Weg

Ein schönes Kloster auf dem Weg

Im Dorf von Simon Bolivar

Da es um halb elf seine Türen auch für Besucher öffnet, gibt es noch die Chance, zumindest die angeschlossene Kloster-Kirche zu besuchen. Einige Kilometer danach kommen wir durch Bolibar, einem Dorf, in dem die Vorfahren des südamerikanischen Freiheitshelden Simon Bolivar gelebt haben. Selbstverständlich ist die Stadt stolz wie Bolle darauf und hat diesem Stolz in einem Museum Ausdruck gegeben. Aber ganz ehrlich: eher ein Dorf zum Durchreisen.

Keine echte Herausforderung

Keine echte Herausforderung

Irgendwie ergibt es sich heute, dass ich in der Gruppe gehe. Stephane, den ich schon von den Tagen zuvor kenne und Heinz aus Erlangen haben in etwa das gleiche Tempo und so pilgern wir gemeinsam. Es geht wie gewohnt bergauf und bergab, und dort, wo der Reiseführer noch von einem sehr rutschigen, steinigen Weg spricht, hat man inzwischen eine veritable Holztreppe errichtet. Gleich danach kommen wir ins Dorf Munitibar, wo ich ehrlich gesagt nicht tot über dem Zaun hängen möchte. Wir pausieren in der örtlichen Kneipe auf einen Kaffee, kritisch beäugt von einigen zu allem entschlossen wirkenden Gestalten, die sich auch Mittags schon auf direktem Weg in den Vollrausch befinden. Also nichts wie weg hier.
Wir vergleichen im Minutentakt die Daten unserer Wetterapps, entscheiden uns, an die günstigste Prognose zu glauben und schlendern gemächlich weiter. Einen Platz in der Pension Gernika am Zielort haben wir bereits reserviert.
Kurz vor dem Betreten von Guernica beginnt es dann aber doch noch zu gewittern.

Entspannte Etappe am Camino del Norte

Entspannte Etappe am Camino del Norte


Treppe am Weg

Der einst schwere Weg wurde mit einer Treppe vereinfacht

Doch der Weg zur Pension ist nicht mehr weit. Glück gehabt! Die maximal unfreundliche Dame vor Ort will von der Reservierung zunächst nichts wissen, murmelt etwas von „ausgebucht“.

Doch schließlich klappt es doch noch, aber irgendwie nur unter Protest. Die Bude wird momentan renoviert, es riecht sehr streng nach sehr nassem Hund, unser Raum hat sieben Betten auf geschätzten acht Quadratmetern. Aber die Dusche ist heiß, also was soll’s. Wir gehen um die Ecke zu Abend essen und verhaften ein paar gepflegte Biere. Ein paar Häuser weiter finden wir unser Restaurant für den Abend. Nichts besonderes, aber es reicht.

Schade: Von der Stadt Guernica und deren bewegten tragischen Geschichte (Deutscher Bombenangriff 1937) sehen wir nichts mehr. Schließlich verschwinden wir wieder in unserer Pension. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mich etwas  beißt. Oh Nein, etwa Bettwanzen an Bord? Das könnte übel enden. Aber bestimmt wird alles gut.



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Dienstag, 30. Mai 2017
Von Guernica nach Bilbao


Wandern im Nieselregen

Wandern im Nieselregen

Es geht erst um kurz vor sieben aus den Federn. Kein Wunder, denn bei nur drei Leuten in unserem kuscheligen Zimmer schnarcht nur einer laut. Darauf kann man sich einstellen. Wir machen uns auf, gehen ein paar Schritte bis zum nächsten Cafe. Als wir uns im Dreier-Tross aufmachen, beginnt es zu regnen, zum Glück nicht allzu wild. Ein wenig sehen wir noch von Guernica, aber die Stadt ist wahrlich kein heimeliges Schnuckelchen. Wie gut es sich anfühlt, nach ein paar Minuten wieder mitten im Grün zu stehen. Selbstverständlich geht es wieder bergauf, der stetige Nieselregen sorgt dafür, dass sich der Schweiß mit dem
Regenwasser mischt.

Terroristen oder Freiheitskämpfer?

Terroristen oder Freiheitskämpfer?

 

Bilbao

Bilbao

Man muss schon sehr auf die Schritte achten, denn man glitscht leicht über die Steine. Wir kommen heute recht häufig durch kleine Dörfer, auch Brunnen sind genug zu finden, um die Wasservorräte aufzufüllen. Ganz langsam wird der Regen weniger. Gegen Mittag machen wir Pause in Lezama, und essen einen Happen. Unseren dritten Mann haben wir derweil schon verloren, er will eh nicht bis Bilbao. Aber für uns ist das heute das Ziel. Zumindest, wenn das Wetter sich hält. Die Herbergssituation ist in der Großstadt etwas schwierig, ich versuche, ein günstiges Zimmer bei diversen Hotelportalen zu finden. Doch es ist wie verhext: unter 250 Euro ist nichts, aber auch gar nichts zu finden. Der Grund wird uns erst später klar: heute spielen Guns n Roses in der Stadt und alle Fans sind offensichtlich hier.
Wir kommen gut voran, mein linker Fuß juckt allerdings höllisch. In der Pension gestern haben mich Bettwanzen gebissen. Drecksladen. Kurz vor Bilbao folgen wir der Ausschilderung und nicht unserem Reiseführer.

Gemeinsames Essen in der Herberge Bilbao

Gemeinsames Essen in der Herberge Bilbao

Ich habe den Eindruck, dass der versprochene steile Anstieg so etwas softer ausfällt.
Bilbao ist schön, aber mehr als durchlaufen ist trotzdem nicht drin. In der Touristeninfo fragt man für uns netterweise in der Herberge nach, ob noch Betten frei sind. Wir haben Glück und fahren daraufhin mit dem Bus in die Richtung, denn der Weg ist zu weit. In der Herberge angekommen heißt es dann „Completo“, ein halbes Dutzend Leute mit Guns n Roses Shirts kamen uns entgegen. Doch für Panik ist es zu früh, wir sind nämlich an der falschen Herberge. Die richtige ist nur 456 Treppenstufen entfernt. Puh!
Alles geht gut, wir bekommen einen Platz, nutzen die Zeit für die große Wäsche und essen nun mit der ganzen Gruppe. Die netten freiwilligen Hospitaleros haben für alle gekocht. Auch hier: alles auf Spendenbasis. Schade, dass der ein oder andere das aber ausnutzt und nur ein paar Cent einwirft. Das haben die netten Leute hier nicht verdient.



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