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Camino del Norte: Tag 11, von Cadavedo bis Luarca

Donnerstag, 10. Mai 2018
Camino del Norte: von Cadavedo nach Luarca (16 Kilometer)

Pfeil

Immer dem Pfeil nach

Mein letzter regulärer Tag auf dem Camino bricht an. Die kleine Pilger-WG packt zusammen und kommt ganz langsam in Gang. Joey macht den Anfang, ich bin der nächste und verabschiede mich von Regina. Die beiden werde ich nicht mehr sehen, sie wollen beide noch bis Santiago. Wollen würde ich auch, aber die Zeit ist um. Ein Gefühl von Melancholie macht sich breit, aber ich freue mich natürlich auch auf das Wiedersehen mit meiner Familie. Immerhin: es wird ein würdiger Abschied heute, denn der Himmel ist blau  und macht keine Anstalten mehr, heute nochmal meine Schuhe in ein Schwimmbecken zu verwandeln.

Zitronen!

Zitronen!

Es geht durch Wälder und Wiesen, bisweilen auch über Straßen. Bis das erste Cafe in Sichtweite kommt, dauert es eine ganze Weile. Ich nutze die Gelegenheit, mir unterwegs noch ein paar Zitronen vom Baum zu mopsen. Nach etwa 7 Kilometer gibt es endlich Frühstück im Dorf Canero. Mein Ziel liegt heute nur 15 Kilometer vom Aufbruch entfernt, es gibt keinen Grund auf die Tube zu drücken. Ich lasse mir also Zeit und werde Zeuge, wie ein etwas verwirrter Pilger immer wieder den falschen Weg einschlägt. Nochmal und nochmal kommt er an die Kreuzung zurück, zeigt sich aber trotz meiner angebotenen Hilfe resistent gegen Ratschläge. Er will nach Luarca und dort den Zug nehmen. Dazu muss er eigentlich nur den Pfeilen nachgehen, warum er das nicht will, bleibt mir ein Rätsel.

Als ich aufbreche, begegne ich ihm erneut. Er will nach Süden gehen und orientiert sich am Stand der Sonne. Ich gebe auf und wünsche ihm eine gute Reise.

Der Weg führt zunächst bergauf und scheint in den letzten Wochen etwas vom Regen lädiert, Teile sind abgerutscht, rotes Flatterband ist aufgespannt worden. Irgendwann lande ich wieder auf der Hauptstraße. Plötzlich entdecke ich am Straßenrand seltsame Ruinen und gehe mitten hinein. Einige verfallene Türme, Mauern und ein ummauertes Areal, in dem rein gar nichts steht außer Bäume. Und der Eingang sieht aus, wie aus der Alhambra. Merkwürdig.

Altes Haus

Verwildert, aber hübsch

Auf dem weiteren Weg google ich ein wenig und stoße auf eine spannende Geschichte: während des spanischen Bürgerkriegs kämpften offenbar auch muslimische Soldaten aus Marokko. Rund 300 davon liegen angeblich hier begraben. Das Andenken dieser Menschen würdig zu bewahren, ist zwar immer wieder versprochen worden, passiert ist bisher nichts.

Mit diesem Eindruck ziehe ich weiter. Gegen 15 Uhr treffe ich in Luarca ein und bin begeistert: die Stadt ist toll, liegt direkt am heute stark brausenden Meer. Und weil ich so früh bin, habe ich viel Zeit, an der Küste entlang zu gehen und kann die Gegend genießen. Was für ein herrlicher Tag, was für ein würdiger Abschluss für meinen Camino.

Luarca

Luarca

Ich treffe Stefan aus Freiburg und verabrede mich mit ihm zum Essen am Abend. Aber zuvor treffe ich noch ein paar andere bekannte Gesichter, die sich heute hier herumtreiben.Vor dem Essen packe ich schon mal meine Sachen und buche mein Busticket. Um kurz nach sieben geht es morgen los.

Stefan und ich gehen um die Ecke etwas essen, anschließend kaufe ich noch ein paar Mitbringsel ein. Zurück im Hotel schließe ich den Weg für mich ab.Um den Norte aber komplett zu machen, werde ich eine weitere Tour brauchen.Ob ich das im nächsten Jahr tun werde? Vielleicht. Jedenfalls habe ich genügend Zeit, darüber nachzudenken.

Danke fürs mitlesen.

...und noch eins, was mich auf diesem Weg immer begleitet hat:
"Heute haben wir viel geschafft. Und morgen machen wir weiter."
Für Papa (1951 - 2017)

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Camino del Norte: Tag 10, von Cudillero nach Cadavedo

Mittwoch, 9. Mai 2018
Von Cudillero bis Cadavedo (ca. 30 Kilometer) 

Pilgerstein

Kein schönes Wetter

Was für ein Tag: während sich in Deutschland alle über den frühen Sommer freuen, ist hier in Spanien der Herbst zurückgekehrt. Als ich am Morgen das Fenster meines Hotels öffne, schlägt mir kalter Regen entgegen. Da kann ich also gleich mit Regenjacke in den Tag starten. Aussitzen bei einem Cafe von Leche klappt diesmal nicht, es regnet nur noch mehr.
Ich habe zunächst sogar Schwierigkeiten, aus Cudillero herauszufinden und muss Google Maps bemühen. Über schnöde Schnellstraßen komme ich irgendwann auf den richtigen Weg zurück. Es sind einige Pilger auf dem Weg, schon wieder sind viele neue Gesichter dabei. Aber einige schon bekannte sehe ich auch.

Moos

Moos aus der Elfenwelt

Regina aus Frankfurt zum Beispiel. Die kenne ich schon aus der Öko-Herberge von letzter Woche. Wir gehen gemeinsam ein Stück und entscheiden uns an einem Abzweig mit zwei Varianten für diejenige, die mehr Abenteuer verspricht. Interessanterweise handelt es sich dabei um die Hauptroute, von der der Reiseführer aber abrät. Er sei "etwas steiler", verspricht bei "gutem Wetter" schöne Aussichten und sei "nicht so gut markiert". Was das heißt, wissen wir einige Stunden später sehr gut.

Anfangs sind die Markierungen noch gut, offenbar sind sie erst vor kurzem neu gesetzt worden. Ist der Reiseführer also vielleicht einfach nicht auf aktuellem Stand? Ist er doch, denn sie werden in der Tat zunehmend schlechter, ebenso wie das Wetter. Es nieselt stark, der Nebel hat sich zu Wolkenbänken zusammengezogen, von der Sicht ist bestenfalls zu erahnen, dass es hier mit ewas Sonne wunderschön sein muss. So allerdings ist der Weg eher eine Herausforderung. Zumal der Weg auch kein richtiger Weg mehr ist. Man klettert eher voran, vor allem, weil dicke Pfützen das Laufen sehr kompliziert machen. Dazu kommt, dass die Strecke sehr eingewachsen ist.

Nebel

Nebel, Nebel, Nebel

Und weil das Gras so nassgesaugt ist, sind es bald auch meine Schuhe. Gore-Tex? Gibt auf. Irgendwann laufe ich nur noch wie in Wasser, meine Schuhe machen bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch. Dazu ist es kalt und dunkel. Puh, das hatte ich mir anders vorgestellt.

Außer Regina und mir ist hier höchstens noch der Hund von Baskerville unterwegs, der Nebel macht die Szene fast ein bisschen gruselig. Und irgendwie wird aus "etwas steil" mehr und mehr ein Reinhold-Messner-Gedächtnistraining. Furchtbar anstrengend und ermüdend, dazu eine Streckenführung, von der man sich manchmal etwas verschaukelt fühlt. Nervt also etwas, diese Variante.

Nebel

...und noch mehr Nebel

Ich brauche wahnsinnig lange, auch da habe ich mich verkalkuliert. Erst gegen 17 Uhr stellt sich das Gefühl ein, dass jetzt wirklich der Abstieg beginnt. Der geht steil runter und haut auf die Knie. Oh Mann, ich möchte meine Füße nicht sehen, wenn ich die nach x Stunden aus den nassen Socken hole. Es ist 18 Uhr, als wir auf planer Straße stehen. Wie schön sich Asphalt anfühlen kann. (Mal ganz im Ernst: wenn es regnet, solltet ihr dieses Variante nicht gehen. Ich habe schon viele anstrengende Etappen auf meinen Jakobsweg gehabt. Aber diese hier ist einfach zu gefährlich, weil das Gekletter schnell dazu führen kann, dass man umknickt. Und dann kann einem hier niemand helfen, denn hier gibt es auf 20 Kilometer keine Siedlung und kein Haus).

Die Herberge vor Ort bietet einen Abholservice, wir nutzen ihn, als wir zwei Kilometer vor dem Ziel sind. Der Fahrer lacht, als er hört, welchen Weg wir gegangen sind. "It's a mistake", sagt er. Ja, da hat er Recht. War nicht so schlau. Dafür ist die Herbergsanlage vom Feinsten. Die "Casa Carina" besteht aus Einzelhäusern, in denen die Pilger maximal zu viert untergebracht sind. Mit eigener Küche und Wohnzimmer. Purer Luxus für 15 Euro. Als wir hereinkommen, kocht Joey schon sein Abendessen. Den kenne ich ebenfalls aus der Öko-Herberge. Nett hier. Ich bin auch gern bereit, 5 Euro Aufpreis für das Anschalten der Heizung zu bezahlen, denn irgendwie müssen die Schuhe ja trocken werden. Der nette Hospitalero bietet an, Wäsche zu waschen. Nehme ich gern an, denn alles ist irgendwie nicht nur dreckig, sondern auch klamm.

Jetzt erstmal heiß duschen und dann was beißen. Spaghetti mit Soße. Lecker. Fertig.

Ich sitze noch eine Weile draußen bei den anderen Pilgern. Fast alles Deutsche, für mich alle unbekannt. Eine halbe Stunde Grundsatzdiskussionen über Religion, bringt mich heute aber nicht so weiter, denn ich bin viel - zu - müüüüde.

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Camino del Norte: Tag 9, von Aviles nach Cudillero

Dienstag 8. Mai 2018
Camino del Norte: Tag 9, von Aviles bis Cudillero ( etwa 30 Kilometer)

Hotel El Parque

Immerhin keine Bettwanzen

Die positive Nachricht des Tages gibt es gleich zum Aufstehen: nach einer ersten oberflächlichen Inspektion stelle ich keine Bisse von Bettwanzen an mir fest. Dabei hätte ich schwören können, dass die Dinger gestern vor Freude schon die Messer gewetzt haben, als ich zur Tür hereinkam. 

Aufstieg

Warum geht's immer nach oben?

Nachdem mich also weder der Waldschrat noch die Viecher über Nacht verzehrt haben, kann ich ja aufbrechen und gemütlich frühstücken. Das geht auch gleich gegenüber, in einem Cafe, das gerade seine Tische auf die Straße stellt. Angesichts des Nieselregens ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Und weil der Tag so nasskalt anfängt, darf es auch noch ein zweiter Kaffee sein.

Raus aus Aviles geht es schnell, und mir fällt auf, dass wesentlich mehr Pilger unterwegs sind. Einige jüngere Leute mischen sich unter die alten Säcke. Offenbar ist der Flughafen Asturias doch für viele ein Einstiegstor für den Nordweg. 

Matschepampe

Matschepampe

Es geht heute recht eben zur Sache, die Steigungen sind übersichtlich. Möglichkeiten für ein Wassertanken an der Bar sind rar gesät, aber es gibt andere, öffentliche Wasserstellen, um die Flaschen zu füllen. So lange nicht "non potable" dran steht, ist es trinkbar. So  zumindest meine ganz private Theorie.

Unterwegs treffe ich auch immer wieder auf bekannte Gesichter. Der Mann mit dem Hinkebein, die Frau mit der rosa Jacke, der Typ, der auch bei Sonne immer mit dem Regenschutz herumläuft: alles Leute, bei denen die Sprachbarriere dafür sorgt, dass man "Hola" und "Buen Camino" sagt und dann weitergeht. Muss es wohl irgendwie auch geben, und ist auch nicht weiter schlimm. Denn ob man für sich allein bleibt, liegt immer am Pilger selbst, Anschluss zu finden ist eine Leichtigkeit.

Cudillero

Cudillero

Inzwischen mache ich mir Gedanken über das Ziel für heute. Der Reiseführer enthält ein Foto von Cudillero, das sieht wahnsinnig angenehm aus. Warum nicht dort übernachten? Ach so, keine Herberge! Das Städtchen liegt nämlich nicht mehr offiziell auf dem Jakobsweg, seit man die Strecke etwas zusammengekürzt hat. Aber es sieht halt schön aus...

El Pito

Bei El Pito

Also Hotel. Ich buche schnell was per App und bewege mich fix aufs Ziel, bis ich in Muros de Nalon an eine sehr netten, neuen und noch nicht in meinem Buch verzeichneten Herberge vorbeilaufe.  Dort sehe ich Regina, die ich in der Ökoherberge schon mal getroffen habe. Nach einem kurzen Schwätzchen, Dosenbier und Kaffee geht es weiter, ich muss ja noch ein Stück weiter. Genau gesagt noch etwa 6 Kilometer. 

Die sind schnell geschafft. Das Städtchen ist wirklich hübsch und ganz auf Touris eingerichtet. Die Saison gibt es aber noch nicht her und so habe ich die Stadt ziemlich für mich allein. 

Nach der Dusche suche ich mir ein nettes Restaurant, in dem es mal etwas anderes als das Standard-Pilgermenü gibt. Mein bestelltes Gericht hat allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Alien. Schmeckt trotzdem...

Essen in Cudillero

Alien zum Abendbrot

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Camino del Norte: Tag 8, von Deva nach Aviles

Montag, 7. Mai 20118
Camino del Norte: Tag 8, von Deva nach Aviles (ca. 37 Kilometer)

Kafffee

Endlich Kaffee

Die Nacht gehört sicher nicht zu den Highlights meines Caminos. Etwa 9 der 8 anwesenden Zimmergenossen schnarchen um die Wetter. Ich verlasse am Morgen also fluchtartig die Camping-Herberge und mache mich auf den Weg. Die ersten Kilometer geht es durch endlose Streusiedlungen, doch kein einziger der unterwegs liegenden Supermärkte hat schon offen. Um 8.30 ist das für Spanien offenbar deutlich zu früh. So muss denn mein Frühstück warten, erst am Ortseingang von Gijon gibt es einen leckeren Kaffee. Der Weg durch die Großstadt ist eher ernüchternd. Wenig Altbau, viele schlecht gealterte 80er Jahre Bauten.

Am Hafen führt der Weg aus der Stadt heraus, allerdings auch gleich in die Industriegebiete hinein. Nicht schön. Man geht teilweise direkt durch das Fabrikgelände, Lastwagen röhren an mir vorbei. Ich beschleunige meinen Schritt ein wenig, nur raus hier. Einige Steigungen führen langsam aus dem Gebiet heraus, es wird wieder grüner. Aber der Blick auf die rauchenden Schornsteine bleibt noch eine ganze Weile erhalten. Ich mache eine kleine Pause und treffe bei der Gelegenheit meine Schweizer Mitpilger Thomas wieder. Eine ganze Reihe neuer Gesichter ziehen an uns vorbei. Es sind wohl recht viele erst in Gijon eingestiegen. Thomas ist schnell wieder weg, ich bin heute zu langsam. Gestern beim Aufstieg habe ich mir doch einige Blasen gelaufen.

Straße

Life is a highway

Ganz langsam wird es wieder richtig schön. Die asturischen Berge liegen hinter uns, es ist recht flach geworden. Wiese schmiegt sich an Wiese, kleine Wäldchen schließen sich an. Siedlungen gibt es keine, gut, dass ich ausreichend Wasser dabei habe. Es dauert fast 17 Kilometer, bis an einer Schnellstraße wieder eine Bar auftaucht.Doch danach geh es auch gleich wieder mit der Industriebrache los. Es ist vor allem Metallindustrie von Arcelor Mittal, die hier die ganze Region prägt. Je näher ich an mein Ziel komme, um so mehr riecht es nach Kohleofen. Doch bis dahin laufe ich zunächst noch eine gefühlte Ewigkeit an der Straße, lasse mich von vorbei donnernden LKWs an den Rand drängen. Wie unwürdig Da sollte man dringend was an der Streckenführung machen.

Selbsttbedienung

Selbstbedenung für Pilger

So kann ich es auch der Pilgerin in einiger Entfernung nicht verdenken, dass sie irgendwann entnervt den Daumen raushält und sich von einem Auto mitnehmen lässt. Ich laufe natürlich bis Aviles, und buche auf dem Weg dorthin ein Zimmer in der Herberge, ein Einzelzimmer, denn gestern habe ich so schlecht geschlafen.

Aviles stellt sich trotz seiner Metall-Geschichte als richtig schönes Städtchen heraus, ist für mich auch überraschend groß. Ich bin recht bald bei der Herberge und klingle. Nichts. Dann wieder. Nichts. Irgendwann meldet sich doch jemand Ich gehe zwei Stockwerke hoch und begegne einem Mann, der ein wenig nach Waldschrat aussieht. Wilder Bart, Mütze auf, darunter offenbar Ohrenschützer oder so. Er ist freundlich, aber seine Bude "El Parque" riech ultra-muffig. Das Zimmer ist ein mit wild zusammengestellten Möbeln bestücktes Etwas, ich rechne mir sofort eine hundertprozentige Chance auf Bettflöhe aus. Das Kissen packe ich lieber gleich zur Seite. Die Dusche ist heiß, könnte aber jeden Moment zusammenbrechen. Also erstmal raus, irgendwo was essen.

Aviles

Aviles

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Camino del Norte: Tag 7, von Colunga bis Deva

Sonntag, 6. Mai 2018

Camino del Norte: Tag 7, von Colunga bis Deva (ca. 40 Kilometer).

Orangen

Orange

Aus dem gemütlichen Hotelbett komme ich nur ungern heraus, ich habe gestern noch stundenlang den Discovery Channel in der Glotze gesehen, selbst die Dokumentation über Killer-Aale hat mich gefesselt. Muss wohl Fernseh-Entzug sein.
Ich gehe auch nur ein paar Schritte. Nach dem Fraß von gestern Abend muss zumindest ein vernünftiges Frühstück drin sein. Im Cafe an der Ecke scheint so eine Art Radfahrertreff zu sein, es ist ein großes Hallo.

Colunga

Unterwegs von Colunga

Nach Omelette und Cafe von Leche geht es endlich los. Mein Gott, schon halb neun! Und nach der Schlappi -Etappe von gestern will ich doch heute aufholen. Dumm nur, dass heute ausgerechnet zwei Aufstiegs auf dem Plan stehen.Glücklicherweise habe ich mir das vorher gar nicht so genau angeschaut. Die ersten Kilometer sind auch noch angenehm einfach und dazu noch sehr schön. Ich komme ganz gut voran. Bis zum Städtchen Villaviciosa läuft's.Aber dann. Dann geht's nämlich ziemlich plötzlich los mit dem Aufstieg.Mein Reiseführer schwankt zwischen Beschreibungen von "ziemlich" und "sehr" steil. Ich schwitze mit die Seele aus dem Leib, gegen Aufstiege hat mein Körper was. Soviel Wasser kann ich gar nicht nachkippen. Dazu noch die Sonne, die in den letzten Tagen immer mehr die Hoheit übernommen hat.Puh! Taxi!

Natürlich nicht, wo sollte das auch her kommen? Also durchbeißen. Am Ende soll eine tolle Aussicht sein, die muss für die 500 erkämpften Höhenmeter aber auch phänomenal werden. Oben angekommen habe ich allerdings wenig Sinn dafür, nach dem jetzt folgenden Abstieg muss ich nämlich nochmal wieder noch für den zweiten Hügel.

Aufstieg

Aufstieg

Liegt es daran, dass ich so spät bin und die Anwohner um diese Zeit keine Pilger mehr erwarten? Jedenfalls laufen beim zweiten Anstieg viele Hunde frei umher, die nicht alle gute Laune haben. So hat sich mein Stativ am Ende doch noch gelohnt, ich nutze es als Abschreckung für miese Köter. Funktioniert ganz gut.

Nach dem letzten Abstieg flutscht es dann ganz gut. Zwar sind es noch ein paar Kilometer, aber die sind nur noch ein Spaziergang. Um kurz nach sieben bin ich in der Herberge von Deva. Etwas merkwürdig: Sie liegt innerhalb eines Campingplatzes. Eine schnelle Dusche und dann das örtliche Pilgermenü, bei dem ich meine verloren geglaubten Pilgergenossen Thomas und Edward wieder treffe. Mission erfüllt: aufgeholt

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Camino del Norte: Tag 6, von Pendueles nach Colunga

Samstag, 5. Mai 2018
Camino del Norte, Tag 6: von Cuerres nach Colunga (27 Kilometer)

In der Herberge

In der Herberge

Wir werden gegen 7 Uhr geweckt. Nicht wirklich sinnvoll, diese Weckaktion, denn längst sind alle schon aus den Federn und packen ihre Habseligkeiten zusammen. Mir steckt der gestrige Tag noch ziemlich in den Knochen, mein Knie ist zwar okay, aber ich bin einfach müde. Das Frühstück ist etwas angespannt, denn der Co-Hospitalero Charles ist unzufrieden mit einem Pilger, der sich erdreistet, schon ein Küchlein zu nehmen, bevor alle am Tisch versammelt sind. Es gibt einen Gratisvortrag zum Thema Miteinander, der ein oder andere Pilger verdreht nicht ganz zu Unrecht die Augen. Ein wenig reingesteigert vielleicht.

Dann folgt der gesammelte Aufbruch. Ich gehe eine ganze Weile mit einem Belgier, der auf seinem Rücken ein "Walking for Charity" -Schild trägt. Er geht für seine Organisation, die sich um Angehörige von Schizophrenen kümmert. Er erzählt mir davon, ist ebenfalls ein Wiederholungstäter auf dem Jakobsweg. Sein Sohn leidet seit vielen Jahren unter der Krankheit .

Asturien

Die tolle Landschaft von Asturien

Nach rund sechs Kilometern landen wir in Ribadisella. In diesem Ort hat sich die Stadtverwaltung offenbar einen Spaß daraus gemacht, die Pilger mit wild im Kreis führenden Pfeilen zu verwirren. Schließlich finde ich eine im Reiseführer erwähnte Brücke, und schaffe es endlich aus der Stadt. Es geht durch kleine und größere Orte, die sich eher durch ihre Strände definieren als durch interessante Stadtgestaltung.


Aber dann wieder kommen tolle Küstenabschnitte, an denen ich mich kaum sattsehen kann. Heute geht es auch häufiger mal bergauf, bei der inzwischen angenehmen Wärme komme ich ganz schön ins Schwitzen.

An der Küste

An der Küste

Ich bin wirklich langsam heute, aber macht das eigentlich irgendwas? Nö. Heute werde ich eh nicht allzu weit kommen. Die Herbergsdichte ist auf dieser Etappe nicht sonderlich gut, die Aussicht auf eine Mini-Herberge nach 35 Kilometern ist nicht sonderlich attraktiv. Also erstmal Mittagspause in einer Dorfkneipe. Wahrscheinlich sind hier so ziemlich alle männlichen Dorfbewohner anwesend und schütten sich schon kräftig einen rein. Das ist in Spanien wohl offensichtlich sozial vollkommen akzeptiert. Ganz sympathisch, wie ich finde.

Mittag!

Mittag!

Aber jetzt hier den Nachmittag abhängen will ich ja auch nicht. Ein paar Kilometer sollen es ja durchaus noch sein. Ich gehe weiter, komme durch La Isla, für einen Ferienort recht öd. Dennoch werden hier wahrscheinlich einige bleiben. Aber ich habe schon eine ganze Weile niemanden mehr gesehen. Kurz hinter La Isla  beschließe ich, mir ein Hotel in der Nähe zu nehmen und finde eines in Colunga. Das "Mar de Sueve" ist eine nette Hütte, allerdings hat man die Stadt auch nach 15 Minuten komplett erkundet. Ich dusche ausgiebig, esse ganz schön schlecht in der Nähe und gehe dann zurück ins Hotel.

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Camino del Norte: Tag 5, von Pendueles nach Cuerres

Freitag, 4. Mai 2018
Camino del Norte: Tag 5, von Pendueles nach Cuerres (mit Umwegen ca. 45 Kilometer)

Gegen 7 Uhr beginnt es zu rascheln. Javier hat Pink Floyd aufgelegt, "Shine on you crazy diamond" holt auch den letzten Schnarcher aus der Koje. Unten im Gemeinschaftsraum gibt es Kaffee und Kekse. Javier erzählt ein wenig aus seinem Leben und erklärt, warum seine Herberge eine Spenden-Herberge ist. Offenbar gibt es auch genehmigungsrechtliche Hintergründe, die mir bisher nicht so klar waren. Weil er kein Geld verlangt, braucht er offenbar keine Hotel-Genehmigung. "Ich bin irgendwo zwischen legal und illegal", sagt er. Aber eine besondere Philosophie stecke natürlich dennoch hinter seiner Herberge. Er sagt, er habe sich von Davids Herberge in Bodenaya inspirieren lassen (siehe Bericht Primitivo). Brüder im Geiste sozusagen. 

Maximal 20 Pilger erlaubt!

Ich gehe los, Javier verabschiedet jeden Gast herzlich und raucht dann erstmal eine. Ich bin der letzte Pilger, der die Herberge verlässt. Die Landschaft ist fantastisch, es geht bei strahlendem Wetter mal durch Wälder, entlang an Schotterpisten, dann über Straßen und Pfade direkt an der Küste. Ich lasse die Drohne fliegen, die Akkus sind schnell verbraucht, ich kann einfach nicht alles einfangen, was mir gefällt. 

Bunt bemalte Pilgermauer

Bunt bemalte Pilgermauer

Der markierte Hauptweg führt häufig über Straßen im Landesinneren, ich will aber lieber mehr von der Küste sehen. Also suche ich nach Abzweigen, die ich auch finde. Allerdings kostet das viel Zeit und viele Kilometer Umweg. Viel mehr, als gedacht. Es wird später und später, aber ich habe eigentlich eine ganz bestimmte Herberge reserviert, zu der ich gern hin möchte. Sie liegt in Cuerra, was ener Etappe von 37 Kilometern entspricht. Aber die vielen Umwege addieren sich auf. So überhole ich ganze dreimal einen Pilger, der den Hauptweg geht. Der Mann wundert sich jedes mal und ruft mir am Ende ein "Bis gleich" zu. 

Fleischwunde

Aua! Aber nur eine Fleischwunde

Aber ein weiteres Mal gibt es nicht, ich gebe Gas, um ein wenig aufzuholen. Da passiert es: ich bleibe an einer Wurzel hänge, falle wie ein nasser Sack mit meinem Rucksack in den Matsch und leider auch auf Steine. Gut, dass ich ein Erste-Hilfe-Pack dabei habe. Allein um den ganzen Matsch abzuwaschen, geht meine komplette Packung Feuchttücher drauf. Einige Steinchen haben sich in mein Knie eingearbeitet, ich muss sie mit dem Taschenmesser rausholen. Argh! Aber hey, ich kann laufen. Und ich kann mich auch verlaufen denn die Pfeildichte ist hier etwas dünn. Immerhin finde ich den richtigen Weg wieder. Noch zehn Kilometer bis zur Herberge. Ich komme vorbei an einem bunt bemalten Steinzaun, auf dem sich wohl eine ganze Horde von Pilgern verewigt hat.

Küste nahe Llanes

Die Herberge finde ich nach einigem Suchen, es ist schon 19 Uhr, für heute reicht es wirklich. Ich werde freundlich begrüßt, Hospitalero Charles gibt mir eine umfassende Einführung. Die "Reposo del Andayon" ist eine Öko-Herberge, ein Niedrigenergie-Haus mit viel Holz, auch auf Basis von Spenden. Da ich spät komme, habe ich nicht viel Zeit, mich auszuruhen. Ich dusche mir den Matsch aus der Wunde und dann gibt es auch schon Essen am großen Tisch. Aber nicht, bevor jeder Pilger erzählen (muss), wer er ist, und was er hier zu suchen hat. Die Herbergsbesitzerin Katrine besteht darauf. Da jedes Statement in x Sprachen übersetzt werden muss, bleibt genügend Zeit, damit sich das Wasser im Mund zusammenzieht. Endlich Essen! Danach wird noch gespielt, ich lehne dankend ab und schreibe lieber noch ein wenig, aber bis zur Schlafenszeit reicht es nicht, ich verschiebe den Rest auf den nächsten Morgen.

Herberge in Cuerres

Herberge in Cuerres

Geschlafen wird im ersten Stock, die Rucksäcke bleiben unten, jeder in einem Müllsack. Ein etwas gewöhnungsbedürftiges Konzept, aber okay. Regeln werden hier groß geschrieben  - das gefällt nicht jedem. Aber die Atmosphäre ist dennoch prima. Der ein oder andere traut sich, auch auf der Matratze noch mit seinem Smartphone herumzuspielen, aber nach wenigen Minuten ist das Licht aus und man hört die ersten Schnarcher. 

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Camino del Norte: Tag 4, von San Vicente nach Pendueles

Donnerstag, 3. Mai 2018
Camino del Norte, Tag 4: von San Vicente bis Pendueles (30 Kilometer)

Es geht gegen halb acht los. Die Sonne geht spektakulär auf, da lohnt sich ein kleiner Umweg für das beste Foto. Ich verlasse die Stadt gut gelaunt, nichts tut weh, da kann der Tag doch nur gut werden. Es geht ziemlich schnell über Landstraßen und Schotterpisten nach draußen in die Wiesen und Wälder. Eine ganze Zeit lang konkurrieren zwei verschiedene Pfeile um die Gunst des Pilgers.

Der alternative Jakobsweg

Während der gelbe Pfeil den Camino del Norte anzeigt, verweist ein roter auf einen eigenen, kurzen Jakobsweg. Der führt unter anderem zu einem Kloster, in dem angeblich die größte Reliquie des Heiligen Kreuzes liegt. Aber ihr wisst ja: es gibt so viele Splitter -- die reichen zusammengenommen sicher für den Bau zweier Arche Noahs.

San Vicente

San Vicente

Dennoch lustig: mein spanischer Pilgerkumpel Jose vom Primitivo will ab heute eben diesen Weg gehen. Er schickt mir eine Nachricht, weil er meine Bilder bei Facebook gesehen hat, doch er startet in Santander, da bin ich ja schon längst zu weit entfernt. Scheint aber interressant zu sein und geht zu den Picos de Europa hoch. Also vemutlich ziemlich steil.Werde ich mir mal genauer anschauen, wenn ich wieder zuhause bin.

Die ersten Kilometer

Die ersten Kiometer

Bis gegen Mittag regnet es immer mal wieder, ich mache dann einfach irgendwo eine Kaffeepause. Kurz nach Unquera verlasse ich nun Kantabrien und laufe in Asturien ein. Schlagartig wird das Wetter besser und so langsam kommt auch ein Gefühl von Wärme auf. Schon nach kurzer Zeit ändert sich auch die Landschaft, glücklicherweise habe ich auch den ganzen Tag keine Industrie mehr auf dem Weg gehabt. Wie schön.

Wieder begegnen mir unterwegs kaum andere Pilger. Ein Schweizer und ein Kanadier, die schon gestern Abend in der Herberge waren, laufen mir aber gelegentlich über den Weg. Auf dem Camino Frances muss es allerings zeitgleich schon eine ziemliche Hölle sein, in St Jean und Roncesvalles müssen sie wegen Überfüllung schon wieder die Zusatzhallen öffnen. Wenn das schon Anfang Mai so ist, dann Gute Nacht!

Der alternative Weg

Der alternative Weg

Dann muss ich genau auf die Route achten: mein Reiseführer empfiehlt, ab einer bestimmten Stelle von der Landstraße abzugehen, um direkt an der Küste entlangzulaufen. Und weil ich so gut aufpasse, entdecke ich vielleicht auch die kleine Schlange, die sich auf dem Weg sonnt. Was auch immer das für ene Art ist: sie lässt sich gern fotografieren.

Den beschriebenen Abzweig finde ich, es sind zwei gelbe Pfeile auf dem Boden - allerdings hat jemand beide mit schwarzer Farbe übermalt. Und: der im Führer angegebene Straßenkilomer stimmt auch nicht. Bin ich hier richtig? Um es kurz zu machen: ja. Warum die Pfeile übermalt sind, kann nicht feststellen. Vielleicht sind es die Kühe, die da unten auf der Weide stehen und ahnungslose Pilger sofort angreifen? Mein Tipp für euch jedenfalls: unbedingt hier abgehen! Es ist nicht wie im Joos-Guide angegeben der Kilometer 287 sondern 278. Hier geht ihr über Schienen und dann über einen Zaun. Was folgt, ist eine fantastische Sicht auf die raue Küste. Echt spektakulääääär!

Ich bleibe hier eine ganze Weile. Es ist niemand dort, nur einen lärmende Ausflugstruppe mit ungefähr 49 lärmenden spanischen Schulkindern. Glück muss man haben. Aber ein paar Schritte weiter, schon bin ich wieder allein mit der Küste und mir. Da packe ich doch glatt mal meine Drohne aus. Ich habe zwar keine Ahnung vom Fliegen, aber ein paar gute Bilder wird es schon hergeben.

An der Küste

An der Küste

Fast eine Stunde bleibe ich vor Ort, dann gehe ich weiter bis Pendueles, mein Ziel für heute. Eigentlich will ich in die Casa Flora, denn die haben auf dem gesamten Weg heute Werbezettel aufgehängt. Aber am Ortseingang begegnet mir der Schweizer wieder und lotst mich zur Herberge von Javier. Javier wohnt in seiner Herberge Aves de Paso und ist die Gastfreundlichkeit in Person. Er kocht für seine Gäste, die Bude ist picobello sauber und gemütlich, die Duschen sind heiß. Und: das Ganze ist auf Spendenbasis.

Um es nochmal zu sagen: wer meint, sich in solchen Spenden-Herbergen durchzunassauern, macht tollen Leuten wie Javier das Leben schwer. Also bitte: gebt, gebt was ihr könnt, nicht weniger.

An der Küste

An der Küste

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Camino del Norte: Tag 3, von Santillana nach San Vicente

Mittwoch, 2. Mai 2018
Camino del Norte, Tag 3: von Santillana del Mar nach San Vicente (39 Kikometer)

Natürlich regnet es wieder, als ich mich aus dem Bett schäle. Nur leicht zwar, aber genug, um unangenehm zu sein. Immerhin habe ich an diesem Morgen Begleitung. Wolfram, ein netter Endsechziger  aus Düren, kommt ein Stück mit, wir haben ja die gleiche Richtung.

Tolle Kirche

Aber der verdammte Schmerz in meinem Bein macht mir zu schaffen, jeder Schritt zieht von oben nach unten. Was das bloß ist? "Ischias", murmelt Wolfram. Kennt sich aus damit, sagt er. Obwohl er Elektriker ist. Ich ignoriere seine Diagnose und gehe einfach weiter. Zu Fußballern sagt man ja auch immer:  "Du musst den Schmerz auslaufen, Junge!" . Das mache ich jetzt auch.

Nach einer Weile hören wir gregorianische Gesänge. Die kommen von einer Kirche, die ganz einsam und verlassen auf einem Hügel steht. Ganz so verlassen ist sie allerdings nicht. Ein freundlicher Herr reicht Besuchern Tee und eine Scheibe Toast mit Erdnussbutter. Er liebt seine Kirche, das merkt man daran, wie liebevoll er mit seinem Besen zwischen den Sitzreihen jeden Dreck wegfegt, den die Pilger hier hineinbringen. Jesus sieht ihm dabei zu, blickt ganz gütig, obwohl er am Kreuz hängt.

Es ist eine schlichte Kirche, kein goldbesetzter Prunkaltar, wie er oft in spanischen Kirchen zu finden ist. Ich zünde eine Kerze an. "Ein verdammt guter Tee", denke ich bestimmt noch eine halbe Stunde so vor mich hin, bis ich plötzlich merke, dass der Schmerz aus dem Bein verschwunden ist. Rausgelaufen.

Kurz hinter der Kirche kann man das Meer sehen. Und die Sonne kommt kurz raus, wie schön. Aber bei dem kurzen Einblick bleibt es erst mal, wir ziehen weiter durchs Landesinnere. In einem namenlosen Ort mit einem Zisterzienserkloster machen wir eine Kaffee-Pause und füllen unsere Wasserflaschen auf.

Nasser Pilger

Dann gibt der Himmel seine Unentschlossenheit auf: mit jedem neuen Kilometer wird der Regen heftiger. Für Wolfram kein Problem, denn wir haben schon gegen 14 Uhr die Stadt Comillas erreicht, er will dort bleiben. Will ich auch? Eigentlich nicht, denn der Tag ist noch zu jung. Wenn bloß der Regen nicht wäre. Ich hadere mit mir, setzte mich erstmal in ein Cafe. Gerade habe ich mich zum Bleiben durchgerungen, da sehe ich den gelben Pfeil, der mit den Weg aus der Stadt zeigt. Ach, was soll's: ich gehe weiter.

Mit der Routenbeschreibung meines Führers komme ich nicht klar, die vielen Alternativrouten verwirren mich nur. So bleibe ich auf der markierten Strecke und finde die auch nicht schlecht. Jetzt endlich gehe ich in unmittelbarer Sichtweite der Strände, komme schließlich auch rauf auf den Sand. Zwischen den vielen Surfern scheine ich der einzige Pilger zu sein.

Ich sehe die Silhouette von San Vicente, doch bevor ich ankomme, dauert es noch eine Weile. Die Stadt hat wohl einen hübschen historischen Kern inklusive Burg anzubieten. Aber das interessiert mich nach den gut 40 Kilometern nicht allzu sehr.

San Vicente

Dumm nur, dass die Herberge aus dem Reiseführer geschlossen hat. Eine ältere Dame ruft das den Pilgern aus dem Fenster ihres Hauses zu und bietet im selben Atemzug ein Bett an. Die Hütte ist schon recht voll, also nehme ich auch eins.

Ich will eigentlich noch ins Restaurant, doch im Dauerregen stellt sich der Supermercado um die Ecke als attraktiver heraus. Es gibt Brot.

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Camino del Norte: Tag 2, von Santander nach Santilana del Mar

Dienstag, 1. Mai 2018
Von Santander bis Santillana del Mar (30 Kilometer plus 10 mit der Bahn)

Um 6 Uhr komme ich aus dem Bett, mein erster Blick geht aus dem Fenster. Klar, es regnet, allerdings nicht allzu heftig. Man muss sich halt auch über kleine Fortschritte freuen können. Die Entscheidung, das Industriegebiet mit dem Zug zu überspringen, fällt da um einiges leichter. Also laufe ich zunächst die halbe Stunde zum Bahnhof. Der Mann am Schalter schickt mich zum Zweitbahnhof um die Ecke, offenbar fahren hier die kleinen Regionalbahnen. Tatsächlich gelingt es mir, auch ohne anwesendes Personal den passenden Zug herauszubekommen. Eines von den 2345 Hinweisschildern ist der richtige Fahrplan für mich.

Eisenbahnbrücke

Die legendäre Eisenbahnbrücke

Ich muss nicht lange warten, der Zug setzt sich in Bewegung, Es sind ohnehin nur vier Stationen und ich bin nach rund zehn Minuten schon in Bezana. Als ich aussteige, sehe ich zum ersten Mal andere Pilger, warum also lang nach dem Weg suchen. Ich folge ihnen unauffällig und latsche an den Bahnschienen entlang. Die führen mich endlich auch zur legendären Eisenbahnbrücke, von der in allen Camino del Norte Berichten zu lesen ist. Das Geheimnis: geht man über diese für Fußgänger verbotene Brücke, spart man fast 8 Kilometer Umweg ein. Nun geht es mir nicht so sehr um den Umweg, sondern vielmehr um die Tatsache, dass ich am ersten Tag nicht gleich 40 Kilometer gehen möchte. Also wage ich es. Und natürlich kommt auch gerade, als ich drauf bin, ein Zug vorbei. Aber nun mal ganz ruhig: links und rechts ist eine Menge Platz. Und als würde sich der Himmel über meinen Heldenmut freuen, macht er ganz auf Blau. Tatsächlich hört der Regen auf und es wird nach und nach immer wärmer. Dann heiß.

Die Landschaft ist wunderbar, softe Hügel tauchen in Grün. Auch das Meer sehe ich von weitem. Da lasse ich doch glatt mal die Drohne zum Jungfernflug los. Die Bilder stelle ich später rein. Blöd nur, dass mein Bein irgendwie Mucken macht, es zieht herunter bis zum Unterschenkel. Na ja, körperlicher Verfall vom vielen Schreibtischhocken. Dadurch bin ich ganz schön langsam, mache immer wieder mal ein Päuschen. Andere Pilger begegnen mir kaum. 

In Miengo

In Miengo

Leider ist auf dem Norte aber auch nicht alles Gold, es häufen sich Gebiete mit hässlichen Industrieanlagen. Highlight ist eine Chemie-Pipeline, die mich fast fünf Kilometer begleitet.Nach den großartigen Natur-Erfahrungen im letzten Jahr im Baskenland ist das etwas befremdlich. Wer sich also auf den Nordweg vorbereitet, sollte das im Hinterkopf behalten. Die kleinen Städte und Dörfer sind denn auch unspektakulär und leicht seelenlos.

Mein Zielort für heute ist dann wieder der totale Kontrast: Santillana del Mar (liegt weder am Meer, noch gibts hier irgendetwas Heiliges) ist ein sehr hübsches historisches Städtchen, in dem der Denkmalschutz früh genug zugeschlagen hat. Entsprechend viele Touristen tummeln sich vor Ort. Und alle zwei Meter verkauft ein Shop Quesadas, ich muss noch herausfinden, was das eigentlich genau ist. Sieht mir nach Kuchen aus. Wenig attraktiv, also muss ein Schoko-Dings herhalten, das sehr wahrscheinlich mehr Kalorien hat, als ich in meinem Restleben noch verbrauchen kann.

Santillana del Mar

Santillana del Mar

Meine Herberge für heute war gar nicht so einfach zu finden, dann entdecke ich sie doch in einem Hinterhof. Zwei Räume a acht Betten, bisher sind nur zwei weitere Deutsche dort. Um Punkt 16 Uhr kommt der Dorfpolizist vorbei um sie aufzuschließen. Er weist noch darauf hin, dass die Heizung ausgefallen sei. Heizung? Wer braucht denn so was? Kein Grund, dort nicht einzuziehen. Er verspricht , dass die Dusche heiß ist, und er verspricht damit nicht zu viel. Sie ist genau genommen nur heiß.

Anschließend schaue ich mir die Ortschaft genauer an, schreibe ein wenig und überlege schwer, welches der Restaurants heute meinen Zuschlag bekommt...