Camino del Norte: Tag 3, von Santillana nach San Vicente

Mittwoch, 2. Mai 2018
Camino del Norte, Tag 3: von Santillana del Mar nach San Vicente (39 Kikometer)

Natürlich regnet es wieder, als ich mich aus dem Bett schäle. Nur leicht zwar, aber genug, um unangenehm zu sein. Immerhin habe ich an diesem Morgen Begleitung. Wolfram, ein netter Endsechziger  aus Düren, kommt ein Stück mit, wir haben ja die gleiche Richtung.

Tolle Kirche

Aber der verdammte Schmerz in meinem Bein macht mir zu schaffen, jeder Schritt zieht von oben nach unten. Was das bloß ist? "Ischias", murmelt Wolfram. Kennt sich aus damit, sagt er. Obwohl er Elektriker ist. Ich ignoriere seine Diagnose und gehe einfach weiter. Zu Fußballern sagt man ja auch immer:  "Du musst den Schmerz auslaufen, Junge!" . Das mache ich jetzt auch.

Nach einer Weile hören wir gregorianische Gesänge. Die kommen von einer Kirche, die ganz einsam und verlassen auf einem Hügel steht. Ganz so verlassen ist sie allerdings nicht. Ein freundlicher Herr reicht Besuchern Tee und eine Scheibe Toast mit Erdnussbutter. Er liebt seine Kirche, das merkt man daran, wie liebevoll er mit seinem Besen zwischen den Sitzreihen jeden Dreck wegfegt, den die Pilger hier hineinbringen. Jesus sieht ihm dabei zu, blickt ganz gütig, obwohl er am Kreuz hängt.

Es ist eine schlichte Kirche, kein goldbesetzter Prunkaltar, wie er oft in spanischen Kirchen zu finden ist. Ich zünde eine Kerze an. "Ein verdammt guter Tee", denke ich bestimmt noch eine halbe Stunde so vor mich hin, bis ich plötzlich merke, dass der Schmerz aus dem Bein verschwunden ist. Rausgelaufen.

Kurz hinter der Kirche kann man das Meer sehen. Und die Sonne kommt kurz raus, wie schön. Aber bei dem kurzen Einblick bleibt es erst mal, wir ziehen weiter durchs Landesinnere. In einem namenlosen Ort mit einem Zisterzienserkloster machen wir eine Kaffee-Pause und füllen unsere Wasserflaschen auf.

Nasser Pilger

Dann gibt der Himmel seine Unentschlossenheit auf: mit jedem neuen Kilometer wird der Regen heftiger. Für Wolfram kein Problem, denn wir haben schon gegen 14 Uhr die Stadt Comillas erreicht, er will dort bleiben. Will ich auch? Eigentlich nicht, denn der Tag ist noch zu jung. Wenn bloß der Regen nicht wäre. Ich hadere mit mir, setzte mich erstmal in ein Cafe. Gerade habe ich mich zum Bleiben durchgerungen, da sehe ich den gelben Pfeil, der mit den Weg aus der Stadt zeigt. Ach, was soll's: ich gehe weiter.

Mit der Routenbeschreibung meines Führers komme ich nicht klar, die vielen Alternativrouten verwirren mich nur. So bleibe ich auf der markierten Strecke und finde die auch nicht schlecht. Jetzt endlich gehe ich in unmittelbarer Sichtweite der Strände, komme schließlich auch rauf auf den Sand. Zwischen den vielen Surfern scheine ich der einzige Pilger zu sein.

Ich sehe die Silhouette von San Vicente, doch bevor ich ankomme, dauert es noch eine Weile. Die Stadt hat wohl einen hübschen historischen Kern inklusive Burg anzubieten. Aber das interessiert mich nach den gut 40 Kilometern nicht allzu sehr.

San Vicente

Dumm nur, dass die Herberge aus dem Reiseführer geschlossen hat. Eine ältere Dame ruft das den Pilgern aus dem Fenster ihres Hauses zu und bietet im selben Atemzug ein Bett an. Die Hütte ist schon recht voll, also nehme ich auch eins.

Ich will eigentlich noch ins Restaurant, doch im Dauerregen stellt sich der Supermercado um die Ecke als attraktiver heraus. Es gibt Brot.

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