Camino del Norte: Tag 11, von Cadavedo bis Luarca

Donnerstag, 10. Mai 2018
Camino del Norte: von Cadavedo nach Luarca (16 Kilometer)

Pfeil

Immer dem Pfeil nach

Mein letzter regulärer Tag auf dem Camino bricht an. Die kleine Pilger-WG packt zusammen und kommt ganz langsam in Gang. Joey macht den Anfang, ich bin der nächste und verabschiede mich von Regina. Die beiden werde ich nicht mehr sehen, sie wollen beide noch bis Santiago. Wollen würde ich auch, aber die Zeit ist um. Ein Gefühl von Melancholie macht sich breit, aber ich freue mich natürlich auch auf das Wiedersehen mit meiner Familie. Immerhin: es wird ein würdiger Abschied heute, denn der Himmel ist blau  und macht keine Anstalten mehr, heute nochmal meine Schuhe in ein Schwimmbecken zu verwandeln.

Zitronen!

Zitronen!

Es geht durch Wälder und Wiesen, bisweilen auch über Straßen. Bis das erste Cafe in Sichtweite kommt, dauert es eine ganze Weile. Ich nutze die Gelegenheit, mir unterwegs noch ein paar Zitronen vom Baum zu mopsen. Nach etwa 7 Kilometer gibt es endlich Frühstück im Dorf Canero. Mein Ziel liegt heute nur 15 Kilometer vom Aufbruch entfernt, es gibt keinen Grund auf die Tube zu drücken. Ich lasse mir also Zeit und werde Zeuge, wie ein etwas verwirrter Pilger immer wieder den falschen Weg einschlägt. Nochmal und nochmal kommt er an die Kreuzung zurück, zeigt sich aber trotz meiner angebotenen Hilfe resistent gegen Ratschläge. Er will nach Luarca und dort den Zug nehmen. Dazu muss er eigentlich nur den Pfeilen nachgehen, warum er das nicht will, bleibt mir ein Rätsel.

Als ich aufbreche, begegne ich ihm erneut. Er will nach Süden gehen und orientiert sich am Stand der Sonne. Ich gebe auf und wünsche ihm eine gute Reise.

Der Weg führt zunächst bergauf und scheint in den letzten Wochen etwas vom Regen lädiert, Teile sind abgerutscht, rotes Flatterband ist aufgespannt worden. Irgendwann lande ich wieder auf der Hauptstraße. Plötzlich entdecke ich am Straßenrand seltsame Ruinen und gehe mitten hinein. Einige verfallene Türme, Mauern und ein ummauertes Areal, in dem rein gar nichts steht außer Bäume. Und der Eingang sieht aus, wie aus der Alhambra. Merkwürdig.

Altes Haus

Verwildert, aber hübsch

Auf dem weiteren Weg google ich ein wenig und stoße auf eine spannende Geschichte: während des spanischen Bürgerkriegs kämpften offenbar auch muslimische Soldaten aus Marokko. Rund 300 davon liegen angeblich hier begraben. Das Andenken dieser Menschen würdig zu bewahren, ist zwar immer wieder versprochen worden, passiert ist bisher nichts.

Mit diesem Eindruck ziehe ich weiter. Gegen 15 Uhr treffe ich in Luarca ein und bin begeistert: die Stadt ist toll, liegt direkt am heute stark brausenden Meer. Und weil ich so früh bin, habe ich viel Zeit, an der Küste entlang zu gehen und kann die Gegend genießen. Was für ein herrlicher Tag, was für ein würdiger Abschluss für meinen Camino.

Luarca

Luarca

Ich treffe Stefan aus Freiburg und verabrede mich mit ihm zum Essen am Abend. Aber zuvor treffe ich noch ein paar andere bekannte Gesichter, die sich heute hier herumtreiben.Vor dem Essen packe ich schon mal meine Sachen und buche mein Busticket. Um kurz nach sieben geht es morgen los.

Stefan und ich gehen um die Ecke etwas essen, anschließend kaufe ich noch ein paar Mitbringsel ein. Zurück im Hotel schließe ich den Weg für mich ab.Um den Norte aber komplett zu machen, werde ich eine weitere Tour brauchen.Ob ich das im nächsten Jahr tun werde? Vielleicht. Jedenfalls habe ich genügend Zeit, darüber nachzudenken.

Danke fürs mitlesen.

...und noch eins, was mich auf diesem Weg immer begleitet hat:
"Heute haben wir viel geschafft. Und morgen machen wir weiter."
Für Papa (1951 - 2017)

Comments

  1. Vielen Dank, dass Du Deinen Weg mit uns geteilt hast. Hab Deinen Camino gerne verfolgt und hey, vielleicht sieht man sich nächstes Jahr, wenn ich den Norte gehe. Man weiß ja nie.

    1. Author

      Ja, wer weiß. Wenn, dann setzte ich den Weg sicher ab Luarca fort. Ich schneide jetzt erstmal mein Video. In ein paar Wochen dann sicher auf Youtube zu finden….
      Beste Grüße,
      Dirk

  2. …ich denke, dass du ihn sicherlich nächstes Jahr komplett machen wirst :)))) Du weißt doch, je mehr man sich im Kopf mit dem Camino beschäftigt, um so mehr will/muss man wieder los 😉 Hey Dirk, wieder so super geschrieben, wieso habe ich bei denen Erzählungen immer so ein Schmunzeln auf den Lippen?!? Es macht immer richtig Spaß das zu lesen, wieder viele Zwinkeraugen dabei :))) Landschaftlich klar… eine Augenweide, und tatsächlich, er hat wirklich eine Drohne mitgeschleppt, naja, die paar Gramm, lach. Die Küstenlandschaften hatte ich mir ja schon 2x angesehen, ich liebe diese rauen Schönheiten. Die Picos stehen noch auf meiner Wunschliste.., Und der Norte? Wer weiß.., Vielleicht gehe ich ihn noch irgendwann :)) Es muss wachsen im Kopf, und da sind aber auch noch andere Ideen. Bin auf dein Video gespannt :)) Deine Homepage ist richtig super, sehr gut aufgebaut und alles super verlinkt – alles hat seine Ordnung, klare Strukturen – wie wir Deutschen es mögen…. grins 😉 :)) Beste Grüße nach Hamburg, Angela

    1. Author

      Hallo Angela! Vielen Dank fürs Lesen und für deinen Kommentar. Ich bin diesmal etwas langsam mit dem Schneiden, einfach zu viel zu tun. Gestern Abend bin ich immerhin ein Stück voran gekommen. Ich fand den ersten Teil landschaftlich viel schöner, der zweite Teil war sehr unterschiedlich, das ist mir beim Sichten der Aufnahmen wieder aufgefallen. Mal unglaublich beeindruckend, dann aber wieder richtig fiese Industriebrache. Ich bin noch nicht sicher, ob ich im nächsten Jahr den Rest dranhänge, vielleicht wird es dann wirklich mal Frankreich oder doch wieder der Primitivo oder oder oder….
      Beste Grüße zurück,
      Dirk

  3. Hallo Dirk, ich würde es schade finden, wenn du das Paket nicht fertig schnüren würdest… Aber du hast auch Recht, wenn du sagst, dass es dir landschaftlich nicht mehr so sehr gefallen hat. Industriegebiete finde ich auch ätzend, und Landstraße… will man doch über die schönen Küsten, durch Wälder und über idyllische Pfade pilgern, und wenn man nur ‚durchrennt‘ und das Herz nicht dabei ist durch eben zu viel Industrie und Straße, dann wäre es Schwachsinn und um nur des Caminos wegen sich durchzuquälen. Als ich nach dem Primitivo wieder an der Küste entlang bin, habe ich viele Pilger gesehen, oft laufen sie Straßen, weil es entweder an der Küste zu schwer ist über die Felsen oder weil es einfach nicht gut ausgeschrieben ist und man den richtigen Weg nicht findet. Da hatte ich für mich schon überlegt (weil ich ja auch ein Künstler im Verlaufen und Umherirren bin, lach), ob ich das wirklich mal machen möchte. Dann sitze ich wieder an der Küste und denke, ja, geil, will ich doch mal irgendwann machen, dann fahre ich ins Hotel zurück und sehe wieder die Pilger, teils sogar an großen Straßen laufen und denke, nee, will ich nicht…. :))) Du siehst, bei mir ist der Wunsch nach dem Norte noch recht entfernt, aber man sollte niemals nie sagen. Auf jeden Fall ziehe ich den Hut vor Jedem, der ihn geht und ich freue mich schon, deine nächsten Eindrücke zu sehen. Deine Berichte sind immer sehr informativ und ehrlich und spiegeln den tatsächlichen Camino mit all‘ seiner Schönheit, aber auch seinen Gegebenheiten und weniger schönen Umgebungen und Zuständen wieder. Ich bin sehr gespannt, ob du nächstes Jahr den Sack zumachst oder dir etwas anderes aussuchst :))) Wir werden es erfahren… Beste Grüße, Angela

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