Camino del Norte: Tag 5, von Pendueles nach Cuerres

Freitag, 4. Mai 2018
Camino del Norte: Tag 5, von Pendueles nach Cuerres (mit Umwegen ca. 45 Kilometer)

Gegen 7 Uhr beginnt es zu rascheln. Javier hat Pink Floyd aufgelegt, "Shine on you crazy diamond" holt auch den letzten Schnarcher aus der Koje. Unten im Gemeinschaftsraum gibt es Kaffee und Kekse. Javier erzählt ein wenig aus seinem Leben und erklärt, warum seine Herberge eine Spenden-Herberge ist. Offenbar gibt es auch genehmigungsrechtliche Hintergründe, die mir bisher nicht so klar waren. Weil er kein Geld verlangt, braucht er offenbar keine Hotel-Genehmigung. "Ich bin irgendwo zwischen legal und illegal", sagt er. Aber eine besondere Philosophie stecke natürlich dennoch hinter seiner Herberge. Er sagt, er habe sich von Davids Herberge in Bodenaya inspirieren lassen (siehe Bericht Primitivo). Brüder im Geiste sozusagen. 

Maximal 20 Pilger erlaubt!

Ich gehe los, Javier verabschiedet jeden Gast herzlich und raucht dann erstmal eine. Ich bin der letzte Pilger, der die Herberge verlässt. Die Landschaft ist fantastisch, es geht bei strahlendem Wetter mal durch Wälder, entlang an Schotterpisten, dann über Straßen und Pfade direkt an der Küste. Ich lasse die Drohne fliegen, die Akkus sind schnell verbraucht, ich kann einfach nicht alles einfangen, was mir gefällt. 

Bunt bemalte Pilgermauer

Bunt bemalte Pilgermauer

Der markierte Hauptweg führt häufig über Straßen im Landesinneren, ich will aber lieber mehr von der Küste sehen. Also suche ich nach Abzweigen, die ich auch finde. Allerdings kostet das viel Zeit und viele Kilometer Umweg. Viel mehr, als gedacht. Es wird später und später, aber ich habe eigentlich eine ganz bestimmte Herberge reserviert, zu der ich gern hin möchte. Sie liegt in Cuerra, was ener Etappe von 37 Kilometern entspricht. Aber die vielen Umwege addieren sich auf. So überhole ich ganze dreimal einen Pilger, der den Hauptweg geht. Der Mann wundert sich jedes mal und ruft mir am Ende ein "Bis gleich" zu. 

Fleischwunde

Aua! Aber nur eine Fleischwunde

Aber ein weiteres Mal gibt es nicht, ich gebe Gas, um ein wenig aufzuholen. Da passiert es: ich bleibe an einer Wurzel hänge, falle wie ein nasser Sack mit meinem Rucksack in den Matsch und leider auch auf Steine. Gut, dass ich ein Erste-Hilfe-Pack dabei habe. Allein um den ganzen Matsch abzuwaschen, geht meine komplette Packung Feuchttücher drauf. Einige Steinchen haben sich in mein Knie eingearbeitet, ich muss sie mit dem Taschenmesser rausholen. Argh! Aber hey, ich kann laufen. Und ich kann mich auch verlaufen denn die Pfeildichte ist hier etwas dünn. Immerhin finde ich den richtigen Weg wieder. Noch zehn Kilometer bis zur Herberge. Ich komme vorbei an einem bunt bemalten Steinzaun, auf dem sich wohl eine ganze Horde von Pilgern verewigt hat.

Küste nahe Llanes

Die Herberge finde ich nach einigem Suchen, es ist schon 19 Uhr, für heute reicht es wirklich. Ich werde freundlich begrüßt, Hospitalero Charles gibt mir eine umfassende Einführung. Die "Reposo del Andayon" ist eine Öko-Herberge, ein Niedrigenergie-Haus mit viel Holz, auch auf Basis von Spenden. Da ich spät komme, habe ich nicht viel Zeit, mich auszuruhen. Ich dusche mir den Matsch aus der Wunde und dann gibt es auch schon Essen am großen Tisch. Aber nicht, bevor jeder Pilger erzählen (muss), wer er ist, und was er hier zu suchen hat. Die Herbergsbesitzerin Katrine besteht darauf. Da jedes Statement in x Sprachen übersetzt werden muss, bleibt genügend Zeit, damit sich das Wasser im Mund zusammenzieht. Endlich Essen! Danach wird noch gespielt, ich lehne dankend ab und schreibe lieber noch ein wenig, aber bis zur Schlafenszeit reicht es nicht, ich verschiebe den Rest auf den nächsten Morgen.

Herberge in Cuerres

Herberge in Cuerres

Geschlafen wird im ersten Stock, die Rucksäcke bleiben unten, jeder in einem Müllsack. Ein etwas gewöhnungsbedürftiges Konzept, aber okay. Regeln werden hier groß geschrieben  - das gefällt nicht jedem. Aber die Atmosphäre ist dennoch prima. Der ein oder andere traut sich, auch auf der Matratze noch mit seinem Smartphone herumzuspielen, aber nach wenigen Minuten ist das Licht aus und man hört die ersten Schnarcher. 

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